Über Geständnisse, lachende Gemälde und trinkende Eulen

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Weil ich nun wiederholt danach gefragt worden bin: Ihr könnt mir natürlich auch gerne via Paypal einen Kaffee oder ein norddeutsches Flunderteilchen spendieren.


Kein Newsletter wurde so oft angeclickt, wie der vom letzten Sonntag. Ich vermute es lag an dem Bild mit den Händen und den Süßigkeiten im Klo, das den Link zum Newsletter illustrierte, und nehme es als Beweis dafür, dass eklige Bilder faszinierend wirken. Herzlich willkommen an all die neuen Subscriber! In dieser Woche habe ich mich nun extra bei der Bildauswahl für den Newsletter zurückgehalten, man darf sein Klopulver nicht zu unbedacht verschießen. Stattdessen wird als Gaumenreiniger zur Klobowle der letzten Woche an diesem Sonntag ein Bild der freundlichen Nyan Cat den Link schmücken. Das Katzenbild passt zum Thema des gesamten Newsletters, denn in dieser Woche geht es in mehreren Punkten um den Blick zurück auf die Entwicklung der Plattformen, die wir benutzen, auf Phänomene, die schon älter sind und um Nostalgie wird es auch gehen.


1.

Dies ist bereits der 29. Newsletter und ich merke mittlerweile immer mehr, dass ich für manche Memes auf einzelne Abschnitte der vergangenen Newsletter verweisen kann, in denen ich bereits darauf eingegangen bin. In dieser Woche bin ich beispielsweise auf eine interessante Pandemie-Variante des “This is Fine”-Meme gestoßen – ein Meme, das ich bereits ganz am Anfang meines Newsletter behandelt habe. Müsste ich ein Meme benennen, das ich am häufigsten im Einsatz für die Auseinandersetzung mit der Pandemie gesehen habe, dann würde ich vermutlich auf die vielen Varianten des Hundes in einem brennenden Haus verweisen.

Es gibt mittlerweile Memes, wie das des “This is Fine”-Hundes, die so lange und oft verwendet wurden, dass sie nicht nur nostalgischen sondern auch medienhistorischen Wert haben. Vermutlich ist es auch deswegen im Kontext des NFT-Hypes für den Verkauf von digitaler Kunst und virtuellen Sammelgegenständen, zu mehreren hoch dotierten Verkäufen von Memes gekommen, die in der Frühphase der sozialen Medien besonders erfolgreich waren. Die technikaffine Käuferschicht, die den frühen Memes nostalgisch gegenüber steht, ist jetzt bereit diese als Sammelgegenstände zu erwerben. Die Nyan Cat, vor einer Dekade ein viraler Youtube-Hit, wurde für 600.000$ verkauft und Anfang März wurde eine weitere Reihe von Memes als NFTs verkauft. Am 18. April wurde außerdem das “Disaster Girl”-Meme, ein Bild eines jungen Mädchens vor einem brennenden Haus, für eine halbe Million Dollar versteigert.

Aber nicht nur Memes befeuern gerade die Goldrausch-Stimmung im Verkauf der klimaschädlichen NFTs, auch der erste Tweet von Twitter-Gründer Jack Dorsey wurde Ende März als NFT für 2,9 Millionen Dollar versteigert. Eine bestimmte Gesellschaftsschicht mit sehr viel frei verfügbarem Geld, Sammelleidenschaft und einer affirmativen Haltung zu technischer Entwicklung hat es offensichtlich geschafft ihre Internetnostalgie in eine Preisblase zu übersetzen. Wir können darauf warten, welche Meme als nächstes hohe Preise erzielen wird. (Dieser Clip zeigt übrigens – mit Hilfe von Sherlock Holmes – sehr eindrücklich, warum die Idee klimaschädliche NFTs mit Carbon Offsets auszugleichen, wie es aktuell vorgeschlagen wird, ziemlich blöd ist.)


2.

Auch der zweite Punkt dieses Newsletters hat etwas mit dem Blick in die Vergangenheit der Social Media Plattformen zu tun, die wir nutzen. Twitter hat im März dieses Jahres den 15. Geburtstag gefeiert. Viele neue Features sind mit den Jahren hinzugekommen und haben die Kommunikationsweisen auf der Plattform immer wieder signifikant verändert, beispielsweise die Einführung des Retweet-Buttons 2009 oder die Möglichkeit vier Bilder auf einmal zu teilen, die 2014 hinzugefügt wurde. 

Mit Bildauswahl und Anordnung lassen sich seitdem unter Anderem Bildgeschichten, Bedeutungsfolgen oder Vorher-Nachher Gegensätze aufbauen, Verfahren aus denen Memes entstehen, wie beispielsweise das Papst-Meme oder das “How it started. How it's going”-Meme aus dem letzten Herbst. Auch die Threads, in denen “X als Y” präsentiert wird, haben sich zu einer eigenen Stilform entwickelt (hier findet sich ein gutes Beispiel mit Marvel-Held*innen als Vögel. Über das Meme-Format habe ich auch bereits in diesem Newsletter geschrieben.)

Eine andere häufige Form, die ich öfter sehe und interessant finde, ist das Muster “POV….” in Kombination mit Bildern. POV steht hier für “Point of View”, bezeichnet also die Blickrichtung des im Tweettext beschriebenen Phänomens auf die dazu geteilten Bilder. Hier beispielsweise die Sicht auf das, was nach Meinung des Tweetenden eine glückliche Kindheit ausmacht:

Das POV-Format gibt in verschiedensten Varianten, mit einem Bild, mehreren Bildern oder auch mit Clips. Durch Veränderungen der Plattformfeatures, in diesem Fall die Einführung der Möglichkeit Bilder und Vidoclips als Tweets zu teilen, sind also spezifische ästhetische Verfahren, eigene Stilmittel und plattformspezifische Erzählweisen entstanden.


3.

Erinnert sich noch irgendwer an grouphug.us? Eine in den Anfangsjahren des Jahrtausends beliebte Internetseite mit Geständnissen, die von wirklich schrecklich und furchtbar bis zu lustig und absurd rangierten. Die Seite ist mittlerweile offline, aber das Bedürfnis anonym Dinge zu gestehen ist weiterhin vorhanden. In Subreddits wie AITA (Am I the Asshole) können User*innen um Rat fragen, ob sie in einer sozialen Situation das Arschloch waren oder nicht. Der Twitteraccount @reddithsips teilt Geständnisse und Erlebnisse aus unterschiedlichen Subreddits, die dann auf Twitter eifrig diskutiert werden. Bei @Fesshole geht es um die anonyme Beichte mit entsprechend religös konnotiertem Header-Bild. Die über ein Google Formular geteilten Geständnisse werden dann auf Twitter geteilt.

Es gibt sicherlich einen Kategorieunterschied zwischen Formaten, in denen eher das Bedürfnis anonym ein Geständnis abzulegen, befriedigt wird und Formaten, in denen es auch sehr konkret um das Feedback der Lesenden geht. Während grouphug.us noch keine Kommentarfunktion hatte, sind die anschließenden Diskussionen, Ratschläge und Witze entscheidender Bestandteil von Beichten in den sozialen Medien:


4.

Der Account @HistoryinPics hat beinahe vier Millionen Follower und wird und wurde oft für fehlende Korrektheit und ungenaue Recherche kritisiert. Schon 2014 gab es eine spannende Recherche im Atlantic über die Teenager hinter dem Account und ihr Talent ein Massenpublikum zu generieren. Der Beitrag zeigte damals deutlich, dass es bei dem Account nie um Geschichte ging, sondern darum mit besonders teilbaren Bildern rasch viralen Erfolg zu haben.

Die Wut, die Accounts dieser Art noch 2014 auf sich zogen, verweist darauf, dass vor einigen Jahren die epistemologische Krise unserer Zeit, das Problem zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Realität und Fake, eindeutige zu unterscheiden, noch anders wahrgenommen wurde. Wird in den Kritiken von damals immer wieder entrüstet betont, dass falsch attribuierte Bilder auf Twitter als historische Fakten rezipiert werden, hat sich mittlerweile eine Art amüsierter Fatalismus durchgesetzt, der bereits dem 2014 eröffneten Parodieaccount @Histreepix zu Grunde liegt. Der Account teilt nur falsch beschriftete und datierte Bilder und parodiert so @HistoryinPics.


Was ich in dieser Woche noch gefunden habe: Einen ganzen Thread mit Bildern von Tieren, die Selfies machen – was will man mehr. Hier gibt es noch einen guten Tweet mit Bildern historischer Figuren, die mit mit FaceApp zum Lachen gebracht wurden, unter der Überschrift “die Gesichtsausdrücke der Frauen von Henry VIII, wenn sie ihn nie getroffen hätten”. In diesem Videoclip wird eine Drohne in den Vulkankrater geflogen und sie hält erstaunlich lange durch. Ich hab mich sehr in die Curry-Möwe verliebt, die mit diesem Tweet in meine Timeline geflogen kam.

Die Seite “Internetquatsch” von Nele Hirsch kann ich allen auf der Suche nach Prokrastination empfehlen und ganz besonders Eltern, die mit ihren Kindern im Homeschooling ein wenige Spaß Online haben wollen. Ein interessantes Interview mit Nele Hirsch hat Dirk von Gehlen geführt.

Ich wünsche euch eine Woche, in der ihr euch zumindest einmal so zufrieden fühlt, wie diese Wasser trinkende Eule. Auch dieses Mal gilt mein Dank allen, die sich bei mir mit Hinweisen oder einer freundlichen Nachricht gemeldet, den Newsletter gefavt oder geteilt haben.

Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich über diesen Newsletter freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Wie immer findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

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