Über Vulkanausbrüche, Containerschiffe und Shrimp-Cornflakes

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Als ich angefangen habe diesen Newsletter zu bauen, hat mir ziemlich der Kopf geschwirrt, angesichts der vielen Memes, lustigen Tweets und viralen Videos, die in der letzten Woche durch meine Timeline gerauscht sind und die ich in meinen Lesezeichen abgespeichert hatte. Es gibt ruhigere Wochen und dann kommen wieder Wochen, in denen es mir wirklich sehr schwer fällt überhaupt eine Auswahl zu treffen, mich für Links und Beispiele zu entscheiden. Von Vulkanausbruch bis Suez-Kanal, von strauchelnder Ministerpräsidentenkonferenz in Deutschland bis zu steigenden Corona Zahlen – In der letzten Woche war einiges los in meiner Timeline.

Es gab außerdem gleich zwei beliebte Quote-Retweet Spiele mit Bildern, in denen der eigene kreative Prozess mit Bildern aus dem Telefonspeicher visualisiert werden sollte und reihenweise Bilder aus furchtbar traurigen Filmen geteilt wurden. (Ich verweigere übrigens auch knapp 30 Jahre später noch das Ende von My Girl hinzunehmen!). Dann hat auch noch Orlando Bloom in einem Zeitungsartikel seine Tagesroutine geteilt, von Brain Oil bis Green Powders war alles dabei, am besten genießt man den Spaß eingelesen von diesem älteren Herren.


1.

Im Geldingadalur (Wallachtal) südlich des Fagradalsfjall (Berg des schönen Tales) ist am 19. März ein Vulkan ausgebrochen, der noch immer munter Lava ausspuckt. Der Ausbruch in Geldingadalur war im Vergleich zum heftigen Ausbruch des Ätnas am 7. März gar nicht so spektakulär, taucht aber in den sozialen Medien deutlich häufiger auf. Ich vermute, dass sich in der unterschiedlichen sozial-medialen Präsenz der beiden Ausbrüche ein kleines Lehrstück über Internetkommunikation verbirgt. Der isländische Vulkanausbruch geschieht in einem extrem online- und technikaffinen kleinen Land mit exzellenter Internetverbindung sogar direkt an der Ausbruchstelle des Vulkans. An der isländischen Ausbruchstelle wurden sofort Live-Streams installiert, die seitdem auf große Resonanz stoßen und oft hohe vierstellige Zuschauer*innenzahlen haben. Es kam rasch zu spektakulären Drohnen-Aufnahmen von der Ausbruchstelle, es wurden viele Hot Dogs auf der frischen Lava gegrillt und Bilder davon in den sozialen Medien geteilt und auch die offiziellen Stellen bieten Seiten an, auf denen man sich gründlich über die isländischen Vulkane informieren kann. Vielleicht hilft es bei der Resonanz auch, dass die Ausbruchsstelle ein wenig wie Mordor aussehen und die isländische Natur einige sehr spektakuläre Bilder möglich macht, beispielsweise von Nordlicht, Schnee und Vulkanausbruch. (Ich empfehle dieses absolut faszinierende Video von Lava, die sich kurz verfestigt und dann wieder flüssig wird.)


2.

Manchmal gibt es Ereignisse, die als Quelle für Memes derart anschlussfähig sind, dass diese sich binnen kürzester Zeit auf allen Plattformen extrem ausdifferenzieren. Das im Suez-Kanal feststeckende riesige Containerschiff Ever Given war in der letzten Woche Anlass für ein solches Meme. Es vereinen sich mittlerweile verschiedenste Meme-Untergruppen, einzelne virale Beiträge, intermediale Erscheinungen und Meme-Kombinationen und Beiträge in verschiedensten Sprachen (und natürlich ironische Kommentare zur Omnipräsenz des Memes). Mittlerweile gibt es auch schon erste Artikel, die ein Best Off verschiedener Memes versammeln. Statt also nur einen Überblick zu geben, möchte ich versuchen zu umkreisen, warum dieses Ereignis so anschlussfähig für Memes ist. 

Ich vermute, dass es verschiedene Faktoren gibt, die bei diesem Meme zusammenkommen und den Erfolg mitbegründen. Einen wichtigen Punkt hat Christiane Frohmann auf Twitter gemacht, als sie schrieb, dass “Klassik-Realität” ohne jegliche Bearbeitung selten von sich aus bereits so stark wie ein Meme aussehen würde. Die schiere Absurdität des Ereignisses ist anschlussfähig für viele Beiträge und wird von dem Bild des kleinen Baggers, der versucht das riesige Schiff zu befreien, noch unterstrichen. Gleichzeitig ist das Bild eines einzelnen im Kanal feststeckenden Schiffes, das den globalen Handel drastisch hemmt, auch sehr treffend für unsere aktuelle Realität, in der zunächst klein wirkende Ereignisse komplette Systeme kippen oder aus dem Gleichgewicht bringen. Das feststeckende einzelne Schiff, welches den globalen Handel nachhaltig blockiert, wird so auch zur Metapher für vielerlei Erfahrungen in einer globalen Pandemie.

Das feststeckende Containerschiff lässt sich aufgrund des maritimen Bezugs auch noch an ein anderes erfolgreiches Pandemie-Meme anknüpfen, nämlich die Sea Shanties. Darüber hinaus lieferte der Anlass des feststeckenden Schiffes zahlreiche sehr ausdrucksstarke Bilder, von den vielen Screenshots des angestauten Schiffsverkehrs auf Vesselfinder oder dem zunehmenden Schiffsverkehrs am Kap der guten Hoffnung bis zum Luftbild des schräg feststeckenden Schiffes, das sich sehr gut für Bearbeitungen eignet. Dass der Kapitän vor der Einfahrt in den Kanal mit seinem Schiff die Form eines Penises gefahren hat, trug zu noch mehr Resonanz bei. Nicht zu unterschätzen ist, dass dieses Ereignis auch für Schadenfreude sehr anschlussfähig ist und sich zahlreiche am Erfolg des Memes beteiligten Beiträge aus eben dieser Quelle speisen. Das große Containerschiff und der kleine Bagger lassen sich extrem gut anthropomorphisieren, sodass es mittlerweile bereits FanFiction zu beiden gibt. Der Gegensatz von Bagger und Schiff ist auch eine gute visuelle Metapher für viele andere Bereiche. 

All diese Gründe trugen zum Erfolg des Memes bei, das viele Beiträge inspiriert hat: Auf Twitter gibt es einen Containerschiff-Account und einen Account für den Baggerführer des kleinen Baggers, die DB Cargo hat einen ihrer Container auf dem Schiff entdeckt, QAnon hat das Containerschiff bereits in die Verschwörungstheorie integriert, es gibt ein eigenes kleines Computerspiel und auch eine Website, auf der man schauen kann, ob das Schiff noch feststeckt.


3.

In der letzten Woche gab es auch wieder einen neuen Main Character in der Timeline. Ihr erinnert euch, es gibt regelmäßig neue Personen, über die alle aufgebracht diskutieren, für die mittlerweile der Begriff “Main Character” verwendet wird. Ich habe über das Phänomen am Beispiel des Bean Dads geschrieben.

Shrimp Guy, der Main Character der letzten Woche, wurde ziemlich schnell zur Milkshake Duck. Milkshake Duck? Mit einem weit verbreiteten Tweet wurde bereits 2016 der Begriff Milkshake Duck für ein Online-Phänomen etabliert, bei dem etwas initial positiv aufgenommenes binnen kurzer Zeit eine unangenehme Wendung nimmt. Aber fangen wir am Anfang an: Der Shrimp Guy hatte zunächst einen superviralen Tweet Bild geteilt, in dem er auf Shrimps in seinen Cinnamon Toast Crunch Cornflakes hinwies und sich dann über den Kundenservice der Firma General Mills lustig machte. Binnen kürzester Zeit tauchten jedoch zahlreiche Tweets auf, in denen Shrimp Guy von mehreren Frauen beschuldigt wurde ein Gewalttäter zu sein. Darauf aufbauend wurde dann auch die Authentizität seines viralen Tweets immer mehr angezweifelt.


4.

Jens Spahn wurde in der Ministerpräsidentenkonferenz von Angela Merkel zu den Testkapazitäten gefragt und konnte nicht antworten, weil er ein Duplo im Mund hatte. Vielleicht das beste Resultat der Konferenz war das Duplo-Meme, mit dem zumindest etwas Frust angesichts der mageren Ergebnisse kompensieren werden konnte.


5.

Der Account @impf_progress tweetet einmal am Tag den aktuellen Impfstatus für Deutschland und mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Mir macht es Hoffnung, jeden Tag daran erinnert zu werden, dass es – wenn auch langsam – besser wird.


In diesem Tweet hat @miriam_vollmer gefragt, was das Ekelhafteste war, was man jemals gegessen hat und die Antworten haben es in sich. Von verschimmelten Apfeltaschen bis zur Rinderzunge im Krankenhaus ist einiges dabei für den wohligen kulinarischen Grusel. Ich habe außerdem gelernt, dass es einen Strand in Japan (Hoshizuna-no-hama) mit sternförmigem Sand gibt und das wunderschön aussieht.

Mit dem Verweis auf einen TikTok-Account, in dem regelmäßig populäre Lieder in Moll gesungen werden, unter anderem hier auch die akustische Variante des Chug Jug Songs, beende ich diesen Newsletter. Obwohl, vielleicht werfe ich noch dieses sehr schöne Omi vs. Corona-Virus TikTok-Video hinterher.

Habt ganz herzlichen Dank für all die vielen netten Rückmeldungen, Hinweise auf spannende Phänomene und Anregungen in den vergangenen Tagen. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.

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