Über Taylor Swifts Schal, rote Flaggen und rote Teppiche

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Heute möchte ich meinen Newsletter mit einem wichtigen Hinweis beginnen: An diesem Sonntag wäre Ferhat Unvar 25 Jahre alt geworden, wenn er nicht bei dem rassistischen Terroranschlag in Hanau am 19. Februar 2020 ermordet worden wäre. Seine Mutter Serpil Temiz Unvar hat an seinem Geburtstag im November 2020 die Bildungsinitiative Ferhat Unvar ins Leben gerufen. Die Initiative möchte “allen Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und deren Eltern, die rassistische Erfahrungen im Alltag oder in der Schule machen, eine Anlaufstelle bieten.”  

Die Bildungsinitiative ist auf unsere Unterstützung angewiesen, vielleicht können wir gemeinsam ein Zeichen an Ferhat Unvars Geburtstag setzen und der Bildungsinitiative ein symbolisches Geburtstagsgeschenk machen. Informationen zum Spenden finden sich hier.


1.

Der Account @writersdoing hat in der letzten Woche zahlreiche Tweets abgesetzt, in denen in Netflix-Biopic-Optik Schauspieler*innen als Philosoph*innen gecastet wurden und die in weiten Teilen sehr lustig waren. (Leider gab es insgesamt nur ziemlich wenige Philosophinnen, der Kanon reproduziert sich wie immer mit all seinen Ausschlüssen auch in den sozialen Medien weiter)


2.

Nach dem extrem populären roten Teppich Meme vom Sommer 2021, bei dem ein Bild von Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray aus Cannes auf Twitter zu einem Klassifizierungs-Meme wurde, gab es in dieser Woche wieder ein solches Format, mit einem roten Teppich Bild von Lady Gaga, Jared Leto und Adam Driver bei der Londoner Premier von House of Gucci.

Diese Memes sind Teile des “Object-Labeling” Genres, der Tweettext labelt also die im Bild vorhandenen Personen oder Objekte. (Über das Genre schrieb ich bereits in diesem Newsletter). Vermutlich eignen sich Bilder vom roten Teppich so besonders gut für dieses Meme-Format weil extrem unterschiedlich gekleidete Menschen für Gruppenphotos posieren, die sich dann auf verschiedenste Weise labeln lassen.


3.

Ich wollte eigentlich schon in den letzten Newslettern über das Red Flag Meme schreiben, aber dann kamen immer andere Themen dazwischen. Bei dem Red Flag Meme wird das rote Flaggen Emoji als Warnsignal mit Aussagen kombiniert, die in sozialen Beziehungen ein Dealbreaker sind. Der Trend findet sich auf allen Plattformen und läuft auch schon eine ganze Weile, aber seit September tauchen immer regelmäßiger virale Tweets mit dem Muster in meiner Timeline auf. Bereits Mitte Oktober gab es auf Twitter wohl eine Zunahme des Einsatzes des rote Flaggen Emojis um 455%. Ungefähr seit diesem Zeitpunkt sind auch die Marken mit ihrer Unternehmenskommunikation dabei, das Muster für sich einzusetzen:

In einer Verwertungskette von Memes wäre damit eigentlich so langsam das Ende erreicht, ich vermute aber, dass wir es bei dem Einsatz des rote Flagge Emojis gar nicht unbedingt mit einem Meme sondern mit einer neuen Kommunikationskonvention zu tun haben, die uns vermutlich dauerhaft erhalten bleibt – ich bin gespannt, was die Sprachwissenschaft draus machen wird. Das Ganze gibt es übrigens auch in umgedrehter Form mit dem grüne Flagen Emoji und auch dieser Witz ist bereits unzählige Male in verschiedensten Variationen gemacht worden:


4.

Taylor Swift hat aus rechtlichen Gründen ihr Album Red von 2012 erneut aufgenommen und am Freitag veröffentlicht. Das Album ist als BreakUp-Album legendär geworden, in dem die Taylor Swift ihre sehr kurze Beziehung zu dem Schauspieler Jake Gyllenhaal verarbeitet hat. Der Song “All Too Well” enthält in der neuen 10-minütigen Version einige zuvor noch nicht gehörte Attacken auf den Ex-Freund. Der zu dem Song zusätzlich produzierte 15-minütige Musik-Kurzfilm wurde 19 Stunden nach dem Upload bereits über 14 Millionen mal geklickt.

Direkt nach der Veröffentlichung wurde der in Swifts Song und Film implizierte Gyllenhaal zu einem Social Media Meme. Unzählige Tweets und TikTok-Clips verweisen auf ihn und die zahlreichen Swift-Fans überziehen sein Instagram mit Kommentaren. Unter Gyllenhaals letztem Bild, das vor drei Wochen veröffentlicht wurde, befinden sich beispielsweise mittlerweile über 30.000 Kommentare mit ähnlichem Tenor:

Diese initiale Welle verstärkt sich quasi simultan durch die vielen Tweets, in denen kommentiert wird, wie unangenehm diese Neuveröffentlichung für Gyllenhaal sein muss und in Tweets verwirrter Menschen, die versuchen herauszufinden, was eigentlich bei Swift/Gyllenhaal vorgefallen ist. Gyllenhaal wird so seit Freitag zum Main Character in den sozialen Medien.

Interessant ist diese Neuveröffentlichung nicht nur, weil sie das Gyllenhaal-Meme verursacht hat, sondern auch weil sich aus den Reaktionen einiges über die verschobene Zeitlichkeite sozialer Medien ablesen lässt. Für die kollektive Nutzung des kreativen Impulses, der das Meme auslöst, nämlich die massenwirksam veröffentlichte Langversion des “All Too Well”-Songs, ist es völlig irrelevant, dass die im Song beschriebenen Ereignisse bereits vor mehr als einer Deakde passiert sind und sowohl Swift als auch Gyllenhaal seitdem in langjährigen Beziehungen waren und sind. Die im Song verhandelte Trennung wird behandelt als wäre sie ein aktuelles Ereignis, auf das aktuell reagiert werden muss, vorwiegend mit Spott über Gyllenhaal und Witzen darüber, wie unangenehm es für ihn sein muss plötzlich wieder so im Rampenlicht zu stehen.

Hinzu kommt, dass der Song in der alten und neuen Version einiges an Material bietet, aus dem sich lustige Tweets bauen lassen. Besonders die Textstelle, in der Swift von ihrem verlorenen Schal singt, der sich immer noch in der Schublade des Ex-Boyfriends befinden würde, hat schon früher für Aufmerksamkeit gesorgt. Die Suche nach dem Schal hat es vor einigen Jahren sogar in ein Interview mit Maggie Gyllenhaal – Jake Gyllenhaals Schwester – geschafft.


5.

Ein weit geteilter Tweet/Thread, der AITA-Reddit Posts als moderne Märchenform einordnet, hat mich sehr erfreut. In dem Subreddit AITA (Am I the Asshole) können User*innen anonym um Rat fragen, ob sie in einer sozialen Situation das Arschloch waren oder nicht. Der Wahrheitsgehalt vieler dieser Beiträge ist vollkommen unklar, aber das tut der Rezeptiosnfreude keinerlei Abbruch.

Ich denke über die Frage, ob diese AITA-Posts eine neue Literaturform sind und wie sie in Bezug zu etablierten Textsorten stehen, auch schon länger nach und habe dazu in dem neuen Band Digitale Literatur II der Edition Text + Kritik (Hg. von Hannes Bajohr und Annette Gilbert) sogar einen Aufsatz geschrieben.

Für mich stehen bei den AITA-Posts und der Auseinandersetzung mit diesen Beiträgen in den sozialen Medien die dramatischen Aspekte im Vordergrund. Ich denke, dass dabei eine Art kollektives soziales Drama durchgespielt wird, in dem Normen und Werte ausgehandelt werden.

“Ein Beispiel für das performative Element von Plattformliteratur ist das sozialmedial inszenierte Drama, das aus den öffentlichen Skandalisierungen bestimmter Reddit-Posts resultiert und in dessen Verlauf die Masse der User eine Art Chor-Funktion übernimmt, indem sie kommentierend debattiert und wertet.” (Berit Glanz: »Bin ich das Arschloch hier?« Wie Reddit und Twitter neue literarische Schreibweisen hervorbringen. In: Digitale Literatur II. Göttingen, 2021. S. 114)

Damit ähnelt das Phänomen teilweise tatsächlich der mündlichen Tradition von Märchen, auf die Trung Lê Capecchi-Nguyễn anspielt.


In einer neuen Variante des Bilder-Thread-Patterns “X als Y”, über das ich bereits in diesem Newsletter schrieb, wurde “Tom Hanks als Schreibmaschine” verarbeitet. Ein Tweet mit Film-Stills aus dem Känguru-Chroniken Film ist lustigerweise in den USA viral geteilt worden (Ich bin hier mal mutig und google nicht nach, wie man Känguru schreibt).

Ein Photo eines mit sehr unangenehmen Photos bedruckten mobilen Klos geisterte durch meine Timeline, darunter Kommentare mit noch merkwürdigeren Gestaltungen von Toiletten und ein Verweis auf den ziemlich lustigen Twitter-Account @scarytoilet. Falls ihr euch fragt, warum so oft Klo-Tweets in diesem Newsletter vorkommen, kann ich nur antworten: Es liegt nicht an mir, sondern daran, dass Menschen offensichtlich ständig dazu Content teilen wollen – der ScaryToilet-Twitteraccount hat über 200.000 Follower*innen.

In einem langen Thread hat sich jemand die Mühe gemacht 46 imeriale Fabergé-Eier zu ranken und es ist genau dieses absurd amüsante Spezialwissen, das Twitter für viele (darunter auch mich) so interessant macht.

Island hat in dieser Woche eine Metaverse-Parodie mit großem Erfolg veröffentlicht und spielte als Reiseort auch in diesem schönen Thread, der die Heimreise eines verlorenen Kuscheltiers beschreibt, eine Rolle.

Mit diesen zwei sehr guten Tweets zum Thema Covid-Karneval wünsche ich euch einen schönen Sonntag. Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich ebenfalls über eine sonntägliche eMail freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Für den Rest der Woche findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

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