Über Impfies, einen Goldrausch und Begegnungen mit Elfen

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Die Pandemie-Diskussion ist in der letzten Woche gefühlt in eine neue Phase eingestiegen, die sich auch in den sozialen Medien besonders bemerkbar macht: Viele Menschen sind bereits geimpft, viele Menschen warten noch und jetzt werden Wut und Frust über strukturelle Ungerechtigkeiten und administrative Probleme oft an individuellen Impfungen aufgehangen. Willkommen zur Impfneid-Debatte. Mit dem Thema Impfungen werde ich auch direkt im ersten Abschnitt dieses Newsletters einsteigen.


1.

Das Wort Impfie /Vaccie (Kadidat für Wort des Jahres) beschriebt die vielen Bilder von frischgepieksten Oberarmen, die sich gerade in den sozialen Medien überall finden. Das für mich mit Abstand beste Imfpie war dieses pandemische Mise en Abyme: Ein Mann mit einem Tattoo von sich selbst auf dem Oberarm, lässt die Impfung genau in den Oberarm der Tätowierung stechen – sehr gut! Mir gefallen auch die gut geschriebenen Impf-Tweets, über all die mit der Impfung erworbenen Superkräfte, die gerade regelmäßig auftauchen.

Das Video, aus dem das Bild oben kommt, mit extrem unheimlicher Non-Player Character Darstellung eines Postpandemie-Gesprächs, läuft seit Wochen in meinem Kopf.


2.

In den letzten Monaten haben NFT-Verkäufe im Kunsthandel für immer mehr Aufregung gesorgt. Im letzten Newsletter schrieb ich darüber, wie Netznostalgie den NFT-Handel mit Memes befeuert hat. Außerdem habe ich darauf hingewiesen, wie extrem unökologisch NFTs sind, ein Punkt, der wirklich nie unter den Tisch fallen sollte.

Während der Erfolg von NFTs im Kunstsektor (der eh an den Handel mit Artefakten und im Bereich von beispielsweise limitierten Drucken auch an eine künstliche Verknappung gewöhnt ist) nicht weiter überrascht, stellt sich die Frage, was NFTs eigentlich für die Literatur bedeuten können. Lässt sich mit NFT-Verkäufen literarischer Texte vielleicht ein Sektor aufbauen, der sich völlig jenseits der etablierten Vertriebskonzepte der Verlagswelt bewegt? Im Kontext des aktuellen Hypes hoffen oder behaupten einige genau das, beispielsweise die NFT-Plattform Litether, die gerade entsteht und sich ausschließlich der Literatur widmen wird.

Auch andere Akteure des traditionellen Printmarktes sind schon in das NFT-Geschäft eingestiegen: Das Magazin “Time” verkauft NFT Cover-Art. Man kann vermutlich die Tage zählen bis der Spiegel – dessen Redakteure immer wieder beinahe peinlich stolz auf ihre Cover sind – nachzieht. Der ehemalige New York Times Kolumnist Anand Giridharadas hat begonnen Entstehungsnotizen, gelöschte oder gestrichene Teile und frühe Cover-Entwürfe seines Bestsellers “Winner Takes All” als NFTs zu verkaufen. Ein Buch über die frühe Phase von Covid in Wuhan wird in limitierter Edition ebenfalls als NFT vermarktet. 

Was sich in diesem Bereich, allem Goldrausch-Enthusiasmus zum Trotz, noch verschärfter zeigen wird, ist das Phänomen der “Name Economy”:

“Der Literaturwissenschaftler Clayton Childress spricht schon 2017 in seiner viel beachteten soziologischen Studie Under The Cover von einer Name Economy, von einer Ökonomie des Namens, die inzwischen auch den Literaturbetrieb bestimmt. Autoren, die an der Spitze dieser Ökonomie stehen, wie Stephen King, James Patterson oder J.K. Rowling, garantieren unmittelbar hohe Verkäufe. Ihr Name erzeugt und multipliziert Aufmerksamkeit. […] Wenn von allen Seiten mit eskalierender Lautstärke um Zeit und Aufmerksamkeit gebuhlt wird, dann ist ein bekannter und beliebter Name ein verlässlicher Anker im Meer der Angebote.” (Johannes Franzen: “Ich trage einen großen Namen, ich muss schreiben” in: ZON, 9.6.2019)

Die Hoffnung mit Literatur-NFTs ein neues Werkzeug gefunden zu haben, um der Schwierigkeit des “vom Schreiben leben könnens” zu begegnen, wird sich vermutlich nur für einige wenige einlösen. Auch in diesem Bereich wird sich die Aufmerksamkeit wieder überwiegend auf diejenigen fokussieren, die bereits sichtbar sind, wie auch schon bei Patreon und anderen crowd-basierte Unterstützungsmodellen. Für einen Artikel über NFTs hat Joël Adami Zitate aus diesem längeren Beitrag von Everest Pipkin über die Probleme des NFT-Hypes übersetzt und diese Stelle ist ebenfalls relevant für alle, die davon träumen mit NFTs die Probleme des Literaturbetriebs zu lösen:

„Cryptoart schafft eine künstliche Verknappung für digitale Objekte, indem ein ‚Original‘ geschaffen wird, das zum Zweck des Weiterverkaufs besessen werden kann. Cryptoart stellt einige der schlimmsten Aspekte der existierenden Kunstmärkte nach, indem es den Superstar-Status derjenigen, die Glück hatten oder bereits über Geld und Verbindungen verfügen, gegen die Realitäten zahlloser anderer ausspielt, die keine solche Rendite sehen werden“ (Joël Adami: “Cryptoart: Aus nichts Geld machen” in: WOXX 6.5.21)

Dennoch wird es interessant zu sehen, wer im deutschen Literaturbetrieb zuerst erfolgreich das Format NFT ausprobieren wird, zumindest eine lyrische Auseinandersetzung mit dem Hype gibt es bereits, die NFT Poetry von Yevgeniy Breyger:


3.

Am 28. April hat @xkcd einen Comic geteilt, in dem er mit zwölf prototypischen Titeln akademische Paper parodiert. Das Format ist im weiteren Kreis von Academia auf riesige Resonanz gestoßen und Beispiele aus den einzelnen Fachbereichen tauchen seitdem überall auf. Das Meme hat sogar einen eigenen Atlantic-Artikel bekommen:

Publication metrics have become a sad stand-in for quality in academia, but maybe there’s a lesson in the fact that even a webcomic can arouse so much passion and collaboration across the scientific community. Surely there’s a better way to cultivate knowledge than today’s endless grid of black-and-white papers. (Benjamin Mazer: “Scientific Publishing Is a Joke” in: The Atlantic, 6.5.2021)

(Das schöne zum Newsletter passende Beispiel oben kommt übrigens von @jeanburgess)


4.

Wenn ich darüber nachdenke, wie literarisches Schreiben in den sozialen Medien aussieht, dann fallen mir mehrere Bereiche und unzählige Beispiele ein, bei denen ich die entstandenen Texte aufgrund inhaltlicher und formaler Merkmale als Literatur bezeichnen würde. Besonders interessant und wirklich eine Neuigkeit im Feld des literarischen Schreibens sind für mich die Formen kollektiven Schreibens, die in den sozialen Medien immer wieder entstehen. In diesem Newsletter habe ich bereits einmal darüber geschrieben, wie manchmal in der Interaktion mit einem Ausgangstweet ein mehrstimmiges Erzählen entsteht.

Eine weitere Variante dieses kollektiven Schreibens findet statt, wenn ein Tweet eine Anekdote in einem bestimmten sprachlichen Format formuliert und dann in den Replies eben dieses Muster aufgegriffen wird. So entsteht ein erzählerisches Kaleidoskop, das um ein bestimmtes Thema kreist. Besonders schön fand ich in der letzten Woche einen Tweet (siehe oben), der beipielhaft erzählte, wie es aussieht, wenn man Feen in der Realität trifft. Vielleicht lassen sich manche sonderbaren Begegnungen am besten damit erklären, dass das Gegenüber ein Mitglied des versteckten Volkes war?

Unter dem Tweet versammeln sich zahlreiche Drukos, die das narrative Format aufgreifen, weiterspinnen und so kollektiv ein literarisches Werk zu Thema “Begegnungen mit Feen” schaffen. Das Bedürfnis in einen Gesprächsfluss einzusteigen, sich kreativ zu betätigen, selbst zu erzählen, führt dazu, dass diese größeren Textgewebe entstehen, die für mich ein sehr gutes Beispiel für neue Literaturformen auf Twitter sind.


5.

Ich hatte in den vergangenen Newslettern schon öfter mal empfehlenswerte oder interessante Accounts, die einfach nur automatisiert Posts aus Subreddits teilen und so den Transfer zwischen den Plattformen herstellen. Ein weiterer dieser Accounts, die auf Twitter ziemlich erfolgreich sind, ist der @hmmm_bot, der Beiträge aus dem Subreddit r/hmmm teilt, das 1,7 Millionen Subscriber hat. Viele der Bilder verursachen tatsächlich ein hmm, andere sind unangenehm, NSFW oder einfach langweilig – typisch für die Bilder eines Messageboards.


Ich habe dieses Video gesehen und mir direkt vorgestellt, wie die Piraterei der Zukunft aussehen könnten. Kochvideos, in denen Zubereitung durch etwas anderes ersetzt wird, gefallen mir gut. Interessant fand ich auch die Erzählweise dieser Tik Tok-Videos, in denen als Kommentar beim Kochen eine völlig überdramtische Trennungsgeschichte erzählt wird, Affären, Fake Identity, ein gestohlener Hund – es ist alles dabei. (A propos Kochvideos: ich habe letzte Woche im Radio etwas über Ekel-Kochvideos erzählt.)

Wusstet ihr, dass im Weißen Haus eine Riesenfamilie lebt? Das Bild von Jill und Joe Biden zu Besuch bei den Carters hat zumindest eine sehr interessante Verzerrung der Perspektive. In der letzten Woche habe ich mich ein wenig in der VR-App B.A.U umgeschaut, die von fünf Künstler*innen auf Deutschland und Russland produziert wurde. Wer das auch möchte, findet mehr Infos dazu hier.

Ein Twitter-User hat sein Magnus Opum geschaffen, indem er im Verlauf mehrerer Jahre alle Parkplätze seine Supermarktes beparkt hat. In der letzten Woche wurde auch noch eine Hymne für alle Katzen produziert und um den Newsletter auf einer weiteren optimistischen Note zu beenden: Ein Berliner Otter-Drama hat wohl ein gutes Ende gefunden.

Dies war jetzt bereits der 30. Newsletter, mittlerweile haben ihn 1200 Menschen abonniert und ich freue mich sehr über das anhaltende Interesse. Herzlichen Dank auch für alle Rückmeldungen, Hinweise und die freundliche Unterstützung dieses Projekts.

Sollte dieser Newsletter im Spamfilter hängen geblieben sein, dann müsst ihr den Absender zu eurem Adressbuch hinzufügen. Ihr findet mich wie immer auf Twitter und auf Instagram.

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