Über Delfin-Boybands, tanzende Geometrie und Toastbrot

Gefällt euch Phoneurie? Für alle, die meine Arbeit an diesem Newsletter unterstützen wollen und können, habe ich eine Abonnier-Möglichkeit hinzugefügt. Der sonntägliche Newsletter wird auch weiter für alle Interessierten zugänglich bleiben, aber ich biete allen zahlenden Subscribern gelegentlich Einblicke in meine laufenden Projekte.


In der letzten Woche hatte ich bereits über die AI Fotobearbeitungssoftware bei My Heritage geschrieben, in dieser Woche waren nun wirklich viele Posts mit animierten Fotos in meiner Timeline. Gemälde und Stockphoto-Memes wurden mit dem Programm in Bewegung versetzt. Die Nachrichten über geschmierte Abgeordnete der CDU und CSU haben einige gute Tweets ausgelöst, aber soweit ich es mitbekommen habe, ist noch kein eigenes Meme entstanden. Ansonsten war die Woche in den sozialen Medien geprägt von Diskussionen über die neuen Corona-Regelungen, ein Thema, das uns sicher noch weiter begleiten wird.


1.

In meiner Timeline stieß ich auf diesen Auszug aus einer japanischen Produktion, in der die Bewegungen einer Tänzerin mit dem Computer in geometrische Formen übersetzt wurden, wodurch die Komplexität des menschlichen Körpers und seiner Bewegungen erstaunlich deutlich wird. In den Kommentaren zum Ausgangstweet verwies jemand auf die Ähnlichkeit des Clips mit Oskar Schlemmers Tanzexperimenten an der Bauhausbühne, besonders den Stabtanz, bei dem auf analoge Weise ein ähnlicher Effekt erzielt wird. Schlemmer arbeitete an der Position der menschlichen Form in der geometrischen Abstraktion des Raumes. 

“Zeichen unserer Zeit ist ferner die Mechanisierung, der unaufhaltsame Prozess, der alle Gebiete des Lebens und der Kunst ergreift. Alles Mechanisierbare wird mechanisiert. Resultat: die Erkenntnis des Unmechanisierbaren. Und nicht zuletzt sind Zeichen unserer Zeit die neuen Möglichkeiten, gegeben durch Technik und Erfindung, die oft völlig neue Voraussetzungen schaffen und die Verwirklichung der kühnsten Phantasien erlauben oder hoffen lassen.” (Oskar Schlemmer: “Mensch und Kunsfigur” In: Bauhausbuch 4: Die Bühne im Bauhaus, 1925)

Die Arbeit von Schlemmer wirkt wie prädestiniert für den digitalen Raum und es ist deswegen nicht verwunderlich, dass der Stabtanz bereits vor Jahren in die Plattform Second Life (erinnert ihr euch noch?) verlagert wurde. Zum hundertsten Geburtstag des Bauhauses wurden die Tänze der Bauhausbühne auch in die virtuelle Realität überführt und mit VR-Brillen erfahrbar gemacht. Die Tänze regen auch hundert Jahre später dazu an, sich über Fragen der Körperlichkeit im Raum Gedanken zu machen. Bloß ist dieser Raum mittlerweile nicht mehr nur der analoge Bühnenraum. (Die Performance zur Abbildung unten findet sich hier). 


2.

Soziale Medien sind beliebte Orte für spielerische Interaktionen. Ich finde diese Spiele besonders interessant, wenn dabei die Bedingungen der technischen Plattform mit einbezogen werden. In der letzten Woche habe ich auf Twitter wiederholt eine Variante eines Spielklassikers gesehen, der auf der Unvorhersehbarkeit von Suchergebnissen aufbaut. Die Struktur dieser Spiele folgt immer einem ähnlichen Muster: “Tippe X in die GIF-Suche ein, das fünfte (oder dritte oder erste) resultierende GIF beschreibt dich bei Y.” Man kann so beispielsweise “herausfinden”, wie man beim Sex oder in betrunken aussieht. In dieser Woche kam zu letzterem Spiel hinzu, dass zahlreiche Prominente angefangen haben ihre vollen Namen in die GIF-Suche einzugeben und das Spiel mit GIFs von sich selbst zu spielen, was dem Ganzen nochmal eine ganz neue Bedeutungsebene verleiht. Hier sieht man beispielsweise die GIF-Auswahl in Tweets von Patton Oswalt, Elizabeth Banks, Edgar Wright, Joseph Gordon-Levitt und Sara Bareilles


3.

In diesem Newsletter wollte ich darüber schreiben, wie in den sozialen Medien manche Alltagsdinge so stark mit Bedeutung aufgeladen werden, dass die pragmatische Nutzfunktion völlig in den Hintergrund tritt, von Lesezeichen in Büchern bis zu Toastbrot-Röstgraden. Eine wichtige Rolle bei dieser (spielerischen) Übersemantisierung spielen Alignment Charts, die eine wichtige Basis für Memes bilden. Ursprünglich kommen sie aus dem Rollenspiel Dungeons & Dragons und haben im Internet ein Eigenleben entwickelt. Es gibt beispielsweise einen Subreddit mit über 30.000 Mitgliedern, in dem nur Alignment Charts geteilt werden. 

In meinem Roman Pixeltänzer habe ich auf Seite 115 etwas ausführlicher erzählt, wie genau Alignment funktioniert und lasse deswegen hier mal meine Figur Beta zu Wort kommen:

“Ich erkläre, dass es zwei Achsen, auf denen die Figuren positioniert werden können: Erstens hinsichtlich dessen, in welchem Maße sie sich an gesellschaftliche regeln halten, ob sie sich auf der Seite der Anarchie, des Gesetzes oder irgendwo dazwischen befinden. Diese drei Möglichkeiten werden als Chaotic, Lawful und Neutral bezeichnet. Auf der anderen Achse wird die Figur zwischen Good, Neutral und Evil eingeordnet, je nachdem, wie sehr sie menschliches Lebens respektiert und bereit ist, Opfer für andere zu bringen.” 

In dieses vordefinierte Raster kann man alles mögliche einordnen und den Dingen Eigenschaften zuschreiben, wie beispielsweise den verschiedenen Möglichkeiten eine offene Toastbrotpackung zu behandeln. Die Anzahl von Alignment Charts, die sich mit Brot auseinandersetzen, ist insgesamt ziemlich groß und verweist darauf, dass Alignments besonders gut mit Dingen funktionieren, die im Leben einer großen Menge von Menschen eine wichtige Rolle spielen – Alltagsgegenstände. Es wird mit Blick auf das Brot beispielsweise in das Raster einsortiert, wie man ein Sandwich schneidet, mit welchen Hilfsmitteln man ein Toast zubereitet oder was man auf das Toast schmiert.

The pleasure of filling out an alignment chart is similar to that of playing a simple brainteaser, or completing an elementary-school worksheet: You’re making judgment calls, sorting, putting objects into little boxes—and you end up with something neat and composed. It has the allure of surety. If we could decide, once and for all, what is the exact best way to live, maybe everything would fall into place. (Kaitlyn Tiffany: “A Chart to Explain Your Entire Worldview.” In: The Atlantic, 5.3.2020)

Alignment Charts sind Spiel und Gesprächsanlass und werden dadurch auch zu einem Instrument von Gruppenbildung und sozialen Aushandlungsprozessen. Die Charts folgen mittlerweile nicht mehr unbedingt dem Rollenspielraster aus Dungeons & Dragons sondern können auch abgewandelte Form annehmen, beispielsweise das dreieckförmige Mc Donald’s Alignment Chart oder das “Who says Fuck?”- Chart. Entscheidend ist bei all diesen Vorlagen, dass ein Thema in ein vorgegebenes Raster einsortiert wird oder zwei unterschiedliche semantische Bereiche einander zugewiesen werden, wenn beispielsweise Kaffeezubereitung und Literaturgeschmack spielerisch miteinander verknüpft werden.


4.

Live Streams gehen manchmal interessante Wege: In der letzten Woche haben über 4000 Menschen einem Hund beim Schlafen zugeschaut. Schlaf-Streams auf Twitch sind schon länger ein Thema. Der Social Media Mensch von Manchester United hat in der letzten Woche aus Versehen den Insta Live Stream angeschaltet, es nicht bemerkt und hatte rasch fast 40.000 Zuschauer*innen.


5.

Der Account @tilbots postet automatisch zufällig ausgewählte Beiträge aus dem Subbreddit “Today I Learned (TIL).” In dem Subreddit teilen die User*innen interessante Dinge, Fakten, Kurioses und Nischenwissen, das sie gerade gelernt haben. Dadurch ist der Subreddit eine konstante Quelle von Informationen, die erstaunlich sind, lustig oder absurd. Immer wird dazu eine Quelle angegeben, beispielsweise Wikipedia-Artikel oder Zeitungsbeiträge. Für mich persönlich hat die Leseerfahrung in dem Subreddit viel damit zu tun, wie ich das Internet erlebe: Man befindet sich in einem ständigen Möglichkeitsstrom mit neuen Informationen und kann auf viele interessante Dinge stoßen, wenn man sich darauf einlässt. Der nächste Recherche-Kaninchenbau, in den man hineinfällt, ist nur einen Klick entfernt. Dank TIL weiß ich jetzt beispielsweise, dass nach einer Steuererhöhung auf Bier in England im 17. Jahrhundert plötzlich viel mehr Gin getrunken wurde und daraus ein großes Problem mit Alkoholismus resultierte. Ich weiß jetzt, dass Isaac Newton das Ende der Welt für 2060 vorausgesagt hat und es darum im Frühjahr 2003 einen großen Medienrummel gab und ich habe gelernt, dass Delfine Boybands bilden, die länger zusammen singen als Menschen-Boybands. Jeder Post ist eine Möglichkeit in neue Wissenswelten einzutauchen und sei es nur, um zu verifizieren, dass die geteilte Information wirklich stimmt.


Immer mal wieder stoße ich in meiner Timeline auf Videoclips, in denen eine Seifenblase langsam einfriert und es ist jedes Mal wieder sehr schön. Hier gibt es einen sehr interessanten Zeitungsartikel in der NY Times über Feta als TikTok-Trend und hier ein Gespräch zum Thema Essen in einer Kultur der Digitalität.

Zum Thema Meme-Musik am Ende noch ein Hinweis: Für diejenigen, die die Serie Bridgerton auf Netflix oder das darauf aufbauende TikTok Bridgerton-Musical geschaut haben, dürfte diese Bridgerton-Musical Parodie lustig sein. Falls ihr ein Haustier habt und eine fotorealistische Gesichtsmaske mit dem Gesicht eures Haustiers für euch haben wollt, dann schaut mal hier. Diese sehr beeindruckende Robotermöwe ist auch noch einen Link wert.

Mit dem Verweis auf einen Tweet, in dem archivarisch gekaufte Briefe einen überraschend sexuellen Inhalt aufweisen, beende ich diesen Newsletter. Habt ganz herzlichen Dank für die vielen netten Rückmeldungen, Hinweise und Anregungen in den vergangenen Tagen. Ich wünsche euch alleinen einen schönen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.

Sollte der Newsletter in eurem Spamfilter hängen bleiben, dann hilft es den Absender zu eurem Adressbuch hinzuzufügen. Wenn euch der Newsletter gefällt, freue ich mich weiterhin sehr über Weiterempfehlungen. Wie immer findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

Share