Ein Anfang mit Korsett, einem hilfreichen Ladenbesitzer und kotzenden Eissturmvögeln

Ich bin immer noch ziemlich verblüfft von der Resonanz auf meine ganz vage Ankündigung dieses Newsletters und fühle mich geehrt, dass ihr mir eine Nische in eurem Posteingang freigemacht habt. Da dieses Projekt noch am Anfang ist, freue ich mich sehr über Rückmeldungen und Hinweise. Mein Ziel ist es einmal wöchentlich eine nicht zu lange – versprochen! –  Sammlung von Interessanten Dingen und losen Gedanken zu formulieren, die mir Online begegnet sind und bei denen sich vielleicht ein Weiterdenken lohnt.


1.

Bei einer Recherche bin ich auf einen interessanten Aufsatz (“The corset and the mirror. Fashion and domesticity in Swedish advertisements and fashion magazines, 1870–1914”) von Leif Runefelt gestoßen, der sich mit der Rolle des Korsetts in der schwedischen Modegeschichte um 1900 auseinandersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Schweden große feministische Debatten, die sich besonders gegen den “Cult of Domesticity” richteten, der auch in Schweden angekommen war und die Frauen vollständig auf die häusliche Sphäre reduzierte. Das Korsett wurde als Symbol für die Beschränkung der Frau gesehen und es wurde 1886 sogar ein eigene Kleiderreformvereinigung gegründet, die explizit feministische und medizinisch empfohlene Reformkleider entwarf.

Der Artikel zeigt nun zunächst, anhand einer Analyse von Korsettwerbung und Korsettabbildungen in Modezeitschriften, dass sich die Mode weder von Medizin noch von feministischen Intellektuellen beeinflussen ließ. Untersuchungsgegenstand sind dann die Abbildungen von Korsetts in Frauenzeitschriften und Werbeanzeigen. Die häufig auftauchende Werbedarstellung von mit Korsetts bekleideten Frauen, die sich selbst im Spiegel betrachten, wird als Subversion der idealisierten häuslichen Weiblichkeit gedeutet: Die Frauen nehmen sich selbst im Spiegel ohne Scham als erotische Subjekte war. Anhand vieler Beispiele wird in dem Artikel gezeigt, wie sich Frauenmagazine einem “Cult of Domesticity” unterordnen, während in der Werbung die Frauen als freie Konsumentinnen adressiert wurden, deren Eitelkeit nicht negativ bewertet wurde. Die weibliche Konsumentscheidung wurde in der Bildsprache der Werbung also zu einer Selbstermächtigung.

Vermutlich könnte man hier interessante Kontinuitäten zu Influencerinnen auf Instagram herstellen. Obwohl diese oft belächelt werden, stellen sie mit ihrer finanziell lukrativen Arbeit auch die ökonomische Macht weiblichen Konsums heraus.


2.

Der Cosplayer @toohardthebard (gleicher Name für Twitter und TikTok) macht auf TikTok Videos bei denen er mit Setting, Ästhetik und Körpersprache auf einen Ladenbesitzer (sein Laden nennt sich #RoseWoodInn) in Computerspielen anspielt, der den Abenteurer*innen neue Aufgaben oder Rätsel gibt. In diesem Setting werden verschiedene Szenen gespielt, unter anderem das typische Lip Syncing zu Songs. Der Twist einiger dieser Videos ist, dass @toohardthebard mit freundlicher Stimme Hinweise zur Selbstfürsorge gibt: Dear Adventurer, Trink etwas! Schreib deinen Freunden einen Brief! Ruhe dich aus!

Der persönliche Rat wird auf diese Weise nicht mehr durch realweltliche Auszeichnungen und Zertifikate aus Medizin, Psychotherapie oder Religion legitimiert, sondern durch den Verweis auf etablierte Archetypen der Fiktion. Spannend!


3. 

Der Nabu lässt in diesem Jahr über den Vogel des Jahres abstimmen und ich habe selbstverständlich schon gewählt. Auf Twitter macht ein bekannter Autor Werbung für den Goldregenpfeifer, obwohl natürlich der Eissturmvogel gewinnen muss. Der Eissturmvogel sieht nämlich nicht nur angemessen schlecht gelaunt aus, er kotzt auch Fischöl auf seine Feinde. Geht abstimmen!


Das war es für dieses Mal. Ich bin gespannt auf eure Rückmeldungen und Hinweise. Wenn euch der Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen. Mit diesem Link kann er geteilt werden: Phoneurie. Wie immer findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram. Habt eine gute Woche!