Über Videochatparties, Weihnachtslieder und Freundschaft

Hier ist er nun, der elfte und letzte Newsletter in diesem Ausnahmejahr 2020. Weihnachten steht vor der Tür, der Lockdown ist eingetreten, in manchen Regionen sogar mit Ausgangssperren. Es gibt Ausnahmeregelungen für die Weihnachtstage, deren Ausgestaltung für einige Verwirrung (und Memes) gesorgt hat. Auch am Beispiel dieser Regelungen wirkt die Pandemie wie ein Brennglas und zeigt punktgenau auf, was für implizite Muster in weiten Teilen unser gesellschaftliches Zusammenleben noch immer prägen: die Ausnahmeregelungen für das Weihnachtsfest im Kontrast zur fehlenden Flexibilität in Bezug auf Zusammenkünfte im Ramadan während des ersten Lockdowns, die Ignoranz für alle sozialen Beziehungsformen jenseits von Blutsverwandtschaft und erneut die Abgabe der Belastung an die Eltern während der Schulschließungen. Das Jahr 2020 hat uns deutlich gezeigt, wieviel Arbeit ansteht, um unsere Gesellschaft gerechter und diskriminierungsfreier zu machen.     


1.

In den sozialen Medien wird in diesen Tagen viel über Weihnachtsvobereitungen und  Zoom-Weihnachtsfeiern geschrieben. Wie feiert man Weihnachten per Videochat, wie singt man gemeinsam, was zieht man an, wenn man sich online zur Weihnachtsfeier trifft? Manche machen gemeinsam Lebkuchenhauswettbewerbe, andere verkosten Gin oder rühren eigenen Glühwein an.

Auf einer meiner Zoom-Weihnachtsfeiern haben wir uns darüber unterhalten, ob man in dem Pandemiejahr andere Träume hatte. Manche träumten öfter als sonst von Menschenansammlungen, während andere erstmals von sozialen Medien träumten. Die viele Zeit online zeigt Einfluss. Ich habe beispielsweise zum ersten Mal in meinem Leben im Traum durch eine Twitter-Timeline gescrollt. 


2.

Am 11. Dezember hat @isi_peazy in einem Tweet gefragt: “Würdet ihr Menschen, mit denen ihr (fast) nur auf Twitter zu tun habt, als Freund:innen bezeichnen?” Die Antworten zeigen, wie unterschiedlich Beziehungen, die hauptsächlich auf Online-Kontakt basieren, von Menschen bewertet werden. Angesichts eines Jahres, in dem viele soziale Situationen virtuell stattgefunden haben, ist diese Frage ein brennendes Thema. Was hat das Jahr mit euren Freundschaften gemacht? Ich habe beispielsweise wieder sehr viel mehr angefangen zu telefonieren und mich auch regelmäßig mit Freund*innen in Videochats getroffen. (Über Telefonanrufe in Zeiten der Pandemie habe ich bereits in diesem Newsletter geschrieben.) Bloß der Kontakt zu kleineren Kindern ist auf rein virtueller Basis leider ziemlich schwierig zu gestalten, aber selbst dort kann ein regelmäßiger Austausch von Bildern und Videos einiges dazu beitragen, beispielsweise eine Beziehung zu Kleinkindern aufzubauen, die man erst sehr wenig gesehen hat. Vermutlich müssen wir alle auf die ein oder andere Art und Weise darüber nachdenken, was Freundschaft in Zeiten des Internets und der sozialen Medien für uns persönlich bedeutet. Dass die sozialen Medien es vielen ermöglicht oder vereinfacht haben für ihre spezifischen Interessen, Hobbies und Neigungen andere Interessierte zu finden, ist offensichtlich. Die Suche nach Gleichgesinnten über die Medienkanäle einer Zeit ist übrigens nichts Neues und auch nicht spezifisch für die sozialen Medien, wie dieser Guardian-Artikel über Brieffreundschaftsanzeigen der 80er bis 90er Jahre in einem Musikmagazin zeigt.  


3.

Auf Twitter gab es ein lustiges Meme mit dem Hashtag #verwaltungsweihnachtslieder, bei dem Weihnachtslieder in Behördensprache übersetzt wurden. So wird aus “Macht hoch die Tür, die Tor macht weit” in einem Tweet von @dasnuf: “Umgehende Aufforderung sowohl die schmalen Zargen vertikal zu öffnen als auch die breiten Zargen horizontal zu erweitern.” In den letzten Tagen habe ich sehr viele Weihnachtslieder gehört und analysiert, weil ich für 54books einen Beitrag über Weihnachtslieder geschrieben habe, der am Montag veröffentlicht wird. Wer noch Inspirationen für Weihnachtsmusik braucht, findet in den vielen Antworten auf diesen Tweet sicher einige Anregungen.


4.

Google hatte in dieser Woche einen weiträumigen Blackout (#googledown), der viele Menschen erst verwirrt und dann nachdenklich gemacht hat. Man tendiert dazu an die mediale Infrastruktur keinen Gedanken zu verschwenden, bis etwas nicht mehr funktioniert. Die Latenz der Medien endet im Blackout.


5.

Ganz kurz vor Weihnachten noch ein Hinweis auf einen Adventskalender-Thread auf Twitter, der mir besonders gut gefallen hat: Zahlen in Lost Places, von @david_zwei.


Dieser Newsletter zum Jahresende ist im Vorweihnachtschaos etwas kürzer geworden als sonst, obwohl ich immer noch ein mehrseitiges Dokument mit Inspirationen und Ideen habe, das beunruhigenderweise immer weiter anwächst und das ich mit ins neue Jahr nehme. Ich freue mich auf turbulente Feiertage und einen sehr ruhigen Übergang in das neue Jahr 2021. Euch allen wünsche ich ausreichend Ruhepausen, Gesundheit und Hoffnung für das neue Jahr. Es war mir eine große Freude eure Sonntage ein wenig zu bereichern – Wir sehen uns am 3. Januar wieder in eurem Posteingang!

Ein Dank geht an alle, die sich bei mir in den letzten Wochen Hinweisen oder einer freundlichen Nachricht gemeldet, den Newsletter geherzt oder geteilt haben. Wenn der Newsletter im Spamfilter hängen geblieben ist, dann müsst ihr den Absender zu eurem Adressbuch hinzufügen.

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