Weihnachten als Vibe und Slop
Weihnachten steht vor der Tür und in vielen Haushalten wird in den nächsten Tagen eine der unzähligen Varianten von Fireplace-Videos auf dem Bildschirm im Wohnzimmer auftauchen. Bei Netflix oder Youtube gibt es mittlerweile beispielsweise eine riesige Auswahl stundenlanger Aufnahmen für das exakt zur Stimmung passende perfekte Feuer. Ich habe übrigens bis jetzt noch keinen mehrstündigen Loop gefunden, der diese Fireplace-Videos mit dem “This is Fine”-Meme verbindet, aber das kommt sicherlich noch. Das knisternde Feuer auf dem Fernseher ist dabei gar keine neue Erscheinung, auch wenn es in den letzten Jahren mit den omnipräsenten riesigen Flachbildschirmen immer häufiger aufzutauchen scheint. Tatsächlich gilt das Fernsehprogram “Yule Log”, das von 1966 bis 1989 auf dem US-amerikanischen Fernsehsender WPIX lief, als einer der wichtigsten Beiträge zum sogenannten Slow TV, stundenlange Aufzeichnungen extrem langsamer Alltagsereignisse, in diesem Fall ein langsam brennendes Kaminfeuer mit Weihnachtsmusik.
Seitdem Fernseher auch immer bessere klangliche Qualitäten aufweisen, kombinieren Menschen sehr gerne das Feuer-Ambiente auf dem Bildschirm mit langen Weihnachts-Playlists, um maximale Gemütlichkeit auf ihrem Sofa zu erreichen. Michael Bublés einstündiges Yule-Log Playlist Video (“Michael Bublé - Christmas (Full Deluxe Christmas Yule Log) [4K HD]”) hat beispielsweise auf Youtube über 108 Millionen Views, aber auch andere Feuer-Playlist-Versionen erreichen millionenfache Aufrufe. Die Kombination aus Feuer und Musik scheint ein Hit in den globalen Weihnachtswohnzimmern zu sein.
Viele Menschen suchen offensichtlich nach dem perfekten Vibe fürs Fest und werden auf unterschiedlichsten Plattformen im Internet fündig. (Das Angebot reicht von Dark Academia-Weihnachten und 1950s cozy New York Christmas bis zu Celtic Music for Snowy Nights und Jane Austen Era Regency Christmas) Besonders Youtube hat nämlich eine lange und erfolgreiche Geschichte darin vielstündige Musikvideos für hyperspezifische Vibes und Moods anzubieten. Ich beobachte diese Entwicklung seit einigen Jahren mit Interesse. Der Trend hat sich auf der Plattform mittlerweile intensiv entwickelt und ausdifferenziert.
Meine Faszination für diese Soundscapes begann damit, dass ich ab den frühen Monaten der Pandemie, also ca. ab Frühjahr 2020, zum Arbeiten häufig Lo-Fi Musik auf Youtube gehört habe – Klangwelten, deren absichtlich rauschige, knackende und irgendwie vintage klingende ASMR-Qualität für mich sehr gut als Konzentrationshilfe funktioniert hat. 2021 habe ich dazu einen Newsletter (“Sommerferien mit Lo-fi Klanglandschaften, Filmtänzen und Kojoten”) geschrieben, in dem ich versucht habe meine Faszination für diese retrotopischen Klangwelten in Worte zu fassen:
Diese nostalgischen Klanglandschaften basieren auf vergangenen Bild- und Erzählwelten, die medial vermittelt sind, von Aristocats bis zu Great Gatsby. Vermutlich ist diese Ästhetik retrotopisch im Sinne Zygmunt Baumans, indem sie sich positiv auf eine idealisierte Vergangenheit beziehen, die eher mit verklärten kollektiven Erzählungen zu tun hat, als mit der Realität. Es ist kein Zufall, dass bei dieser Form von Lo-fi Retrotopie die Stadt Paris eine große Rolle spielt, mit einem Ambiente aus Cafés, Jazz und Chansons und urbanem Regen, das in zahlreichen Klanglandschaften zitiert wird.
Mittlerweile ist “Vibe” der im Internet allgemein verwendete Begriff für diese Art von in den Timelines auftauchenden Atmosphären. Ein Begriff, der in den letzten Jahren verschiedene Entwicklungen und politische Instrumentalisierungen durchlaufen hat, von der Nische in den Mainstream gewandert ist. (Sehr gut und weiterführend zum Thema sind dieser Text aus dem Frühjahr 2021 von Kyle Chayka und dieser gerade erschienene Newsletter von Marcus Bösch). Als Autorin interessierte mich natürlich besonders, wie Literatur im Internet in Vibes und Moods übersetzt, wie die “Essenz” eines literarischen Textes in einen audio-visuellen Vibe überführt wird. Deswegen habe ich 2023 für die Neue Rundschau einen Text geschrieben, in dem ich Literatur als Vibe und Mood betrachtet habe:
Klassiker leben in Form der ihnen zugehörigen Moods und Vibes ein interessantes Eigenleben in den sozialen Medien und nicht zwangsläufig muss man einen literarischen Text überhaupt gelesen haben, um anhand der vielen Sammlungen seine Mood und seinen Vibe zu verstehen und reproduzieren zu können. Vielleicht führen die sozialen Medien die Literatur als Gegenstand weg von einer Frage nach der konkreten sprachlichen Verfasstheit und hin zu einem Fokus auf die affektive Gemachtheit von Texten. Der in den sozialen Medien vielerorts auftretende Umgang mit Literatur ist eher ein Aufspüren von Vibes und Moods und deren vielfältige audiovisuelle Umsetzung in Playlists, Parodien, Moodboards, Memes und Bildcollagen – das Spiel mit den Vibes und Moods kanonisierter Texte gehört zur DNA der Timelines.
(Berit Glanz: »Literatur als Vibe und Mood«, in: Neue Rundschau. Heft 1. S. Fischer Verlag, 2023. S. 119-124 – wer den Text gerne lesen möchte, findet ihr als Weihnachtsgeschenk eine PDF unter diesem Link)
Nicht nur literarische Texte beliebte Reiseziele oder vergangene Zeitepochen eignen sich für einen so destillierten Vibe, sondern auch Traditionen und Feste. Ganz besonders das Weihnachtsfest mit seiner komplizierten säkularen Geschichte zwischen Konsum und Kernfamilienidealisierung bietet sich für die Vibe-Vermarktung an. Der Weihnachtsvibe ist dabei gar kein modernes Phänomen, schon die frühen säkularen Popsongs aus der Mitte des 20. Jahrhunderts erzeugen einen kitschig-gefühligen Vibe, den Matthias Warkus in diesem Text als das “global standardisierte, melancholisch rückwärtsgewandte Midcentury-Weihnachtsgefühl” bezeichnet hat. Der Vibe von Weihnachten ist Schnee, Kerzenlicht, offener Kamin, dampfende Becher und Tannengrün in Wohnzimmern, die an die 1950er erinnern oder in Straßenzügen, die das viktorianische London von Charles Dickens aufrufen. Genau diese Bildwelten:
Mittlerweile erkennen die meisten auf den ersten Blick, dass es sich bei diesen Bildern und ihren als Loop animierten Sequenzen um mit AI generiertes Material handelt. Viele dieser Playlist arbeiten dabei nicht nur mit generierten Bildern / Clips sondern auch mit generierter Musik. Ziel der teilweise millionenfach geclickten Playlists ist die Erzeugung von Weihnachtsstimmung, und generiertes Material eignet sich perfekt, um solche Vibes zu erzeugen. Selbstverständlich halten diese Playlists genauerer Beobachtung nicht stand und es ist ein lustiges Suchspiel, die typischen AI-Fehler zu finden, beispielsweise merkwüridge Typographie auf den Straßenschildern, uncanny Strickmuster oder ein Kamin, in dem Schnee fällt. Ich habe durch einige dieser Videos gescrolled und musste dabei an Peli Grietzer’s Text “A Theory of Vibe” von 2017 denken, der das menschliche Aufspüren von Vibes mit der Funktionsweise neuronaler Netzwerke vergleicht:
“Suppose that when a person grasps a style or vibe in a set of worldly phenomena, part of what she grasps can be compared to the formulae of an autoencoder trained on this collection. The canon of this abstract trained autoencoder, then, would be an idealization of the worldly set, intensifying the worldly set’s own internal logic.”
(Peli Grietzer: »A Theory of Vibe«. In: Glass Bead, Bd. 1, Nr. 1, 2017.)
Das menschliche Kondensieren eines Weihnachtsvibes aus dem weltlichen Phänomen “Weihnachten” ist den Vibes, die uns die AI in diesen Videos präsentiert, nämlich gar nicht mal so unähnlich. Wir suchen nach Kerzen, knackendem Feuer und gemütlich klingendem Piano-Jazz, um eine cozy Atmopshäre zu erzeugen und neuronale Netzwerke generieren exakt diesen Vibe aus dem Datenmaterial für uns. Der Weihnachtsvibe der Playlists bietet so lange ein störungsfreies atmosphärisches Hintergrundrauschen, bis man sich auf die ganz konkrete Einzelumsetzung – die merkwürdigen Schilder, den falschen Schnee, die generische Musik – konzentriert. Der Weihnachtsvibe funktioniert nur dann, wenn er nicht exakt in den Fokus genommen wird (was vielleicht allgemeiner gilt, als es hier gemeint ist). Sobald man genauer hinschaut, die cozy Stimmung verlässt und kritisch analysiert, merkt man die vielen winzigen Fehler in der Idealisierung – der Vibe ist ruiniert und wird zu Slop.
Slop ist gerade von Merriam Webster zum Wort des Jahres 2025 gekürt worden und uns allen ist es im vergangenen Jahr vermutlich ständig begegnet, wenn über AI und ihre Effekte gesprochen wird oder wenn generalisiert über die Enshittification des Internets gesprochen wird. Mir gefällt dieser Ansatz von Max Read, der beim Slop vor allem die merkwürdige Leere einer perfekten Durchschnittlichkeit beschreibt:
One idea I’ve been circling around is that “slop” is that which is “fully optimized” to its domain to the point of texturelessness or characterlessness. “Slop” in this sense is anything designed to be as easy as possible to produce, sell, and consume, but it’s particularly slop at the point where all or most other players in the same space adopt the same strategies, and the material is no longer individual or differentiated from its competitors. (Max Read: “What is “slop,” exactly?”, 19.12.2025)
Dieser Ansatz über Slop nachzudenken, scheint mir auch eine Lösung dafür zu bieten, wie wir unseren ganz individuellen Weihnachtsvibe davor schützen können, dass er zu Weihnachtsslop wird: Ein Vibe orientiert sich zwar an kollektiven Bild- und Klangwelten, aktualisiert diese jedoch als konkrete ästhetische Erfahrung in vielfältig unterschiedlichen Ausprägungen, die sich durchaus der reinen Konsumierbarkeit verweigern kann. Unsere menschliche Individualität mit all ihrem Drama und Chaos kann so das Fest und seinen Vibe vor der Slop-Werdung schützen. Anne Helen Petersen schreibt in ihrem Newsletter mit dem passenden Titel “Some General Theories About Why You Might Feel Like Crap Right Now”:
“I'm not saying that we all need to participate in the (actually pretty reflective and solemn) stations of advent. But if you are a Christian: consider it? If you're not: what rituals do feel meaningful to you, to the season, and to the people in your lives?”
Damit wünsche ich allen von euch, die Weihnachten feiern ein wundervolles, leuchtendes Fest und allen anderen ruhige Tage und Besinnlichkeit zum Jahresende.
Hat euch dieser Newsletter gefallen oder euch zum Nachdenken angeregt? Dann könnt ihr mir gerne hier einen Kaffee in einer dampfenden Tasse vor Kaminfeuer spendieren: https://ko-fi.com/beritmiriam






Thx für den shoutout und merry christmas
So ein unfassbar gut geschriebener Newsletter, vielen Dank dafür! Deine Idee, Soundscapes im Bezug auf AI Slop zu analysieren, finde ich Mega spannend. Neulich habe ich eine soundscape landingpage entwickelt. die Architektur des immersiven „Raums“ wurde per Zeichentablet gemalt. Die Koloration des Raumes, Sounds und Songs wurden mit KI generiert. Ziel war es, einen cozy christmas work vibe zu erzeugen, mit personalisierbaren Sounds. Tatsächlich war es mit am schwierigsten, einen wirklich guten cozy vibe via KI-tools zu entwickeln.