Über Würstchen, Polly Pocket und bunte Pilze

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Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf…und dann erschien endlich das neue Album von Lil Nas X. (“The Internet Is Now Just A Distribution System For Lil Nas X Content”).

In Island wird übrigens am selben Wochenende wie in Deutschland gewählt, aber auf der Insel gibt es interessanterweise überhaupt keine Wahlplakate. Im Gegensatz zu Deutschland findet Wahlwerbung im öffentlichen Raum bloß in den Werbedisplays der Bushaltestellen statt, ansonsten sind Wahlwerbespots auf Youtube und Sponsored Posts in den sozialen Medien der zentrale Weg im isländischen Wahlkampf.   


1.

Bildinszenierungen von Politiker*innen erinnern aufgrund ihrer extrem gestellten Qualität und bewussten Rauminszenierung manchmal an Genremalerei aus dem 19. Jahrhundert. Ein Effekt, den man noch verstärken kann, wenn man einen Ölgemäldefilter über die Bilder laufen lässt, wie ich es bei diesem Foto von Söder und Laschet beim Würstchenessen getan habe.

Zwei Fotos, die wie Genregemälde aussehen teilte Markus Söder am Freitag Vormittag auf Twitter. Auf beiden Fotos sitzen Söder und Laschet gemeinsam in einem fränkischen Wirtshaus und essen Würstchen und Sauerkraut (“Fränkisches Essen gibt Kraft”).

Markus “Trekkie” Söder hat in letzter Zeit verstärkt Bilder geteilt, die für Memes prädestiniert sind. (Vielleicht hat er sich mit Norbert “Grafschafter Goldsaft” Röttgen abgesprochen, der schon länger recht erfolgreich selbstironische Bilder teilt, die sich durch ihre unfreiwillige Komik recht weit verbreiten). Beide Fotos laden dazu ein als Memes verwendet zu werden, was auch prompt geschah. Der Ratio von Retweets zu Quote-Retweets bei Söders Tweet weist deutlich daraufhin, dass das Foto überwiegend spöttisch-ironisch verbreitet wurde, wodurch jedoch auch die vermutlich mit Bildinhalt und Tweettext intendierte Botschaft, dass nur traditionsbewusste Konservative “einen Linksrutsch mit vollem Einsatz verhindern” werden, weit geteilt wurde.

(Parallel zu den geteilten Fotos gab es übrigens auch noch eine Fernsehübertragung, in der ein Gespräch abgebrochen wurde, um live zu dem Servieren der Würstchen nach Franken zu schalten – unfreiwillige Komik der Höchstklasse.)


2.

Nostalgie ist eine so große Treibkraft in der Weiterverbreitung von Content in den sozialen Medien, dass es mich nicht verwundert, dass dieser Polly Pocket Account auf Instagram über 22.000 Follower hat. Der Reiz solcher Accounts ist in der Bio perfekt zusammengefasst: “i bet you had the exact same one!”

In einem super Interview erzählt die Account-Inhaberin, dass bei Reddit Bilder unbemalter Polly Pocket Figuren geteilt würden: “It's so weird to see them without paint. It's like Roman sculptures or something.”

Weil ich ein unfassbarer Nerd bin, habe ich mich natürlich sofort auf die Suche nach unbemalten Polly Pockets gemacht, denn leider wurde im Artikel nicht dazu verlinkt. Ich habe aber nur bei Ebay ein Vintage Polly Pocket Set gefunden, das einem die Möglichkeit gibt, kleine Polly Figuren in Gips zu gießen, um sie dann selbst anzumalen. (Die Gips-Ergebnisse sehen jedoch tatsächlich aus wie winzige Statuen).

Gottseidank habe ich diesen Newsletter, um euch das Ergebnis meiner Suche zu präsentieren. Natürlich gibt es eine römische Statue (“Augustus von Primaporta”) zum Vergleich mit den Polly Pocket Rohlingen, den römischen Statuen unserer Zeit:


3.

Mit dem Einstieg in Nostalgie als Onlinewährung habe ich einen perfekten Start, um über Sinneseindrücke zu sprechen und wie oft diese in viralen Social Media Posts mit Kindheitserinnerungen verknüpft werden. (Erinnert sich noch wer an den eigentümlichen Geruch dieser Schminkkopfpuppen, die in den 1990ern mal ein großer Trend waren?)

Tweets mit Erinnerungen daran, wie die Welt früher – das heißt in Kindheits- oder Teenagerjahren – roch oder schmeckte, sind ein Impuls, der viele Menschen dazu bringt sich zu beteiligen und in ihren eigenen Erinnerungen zu graben. Besonders gut hat das vor kurzem dieser schöne Tweet von Anna Aridzanjan illustriert:

Interessanterweise kann man bei vielen der zahlreichen Antworten sofort ein Geruchsprofil für ein bestimmtes Jahrzehnt im Kopf erstellen. Der Effekt, dass Geruchs- oder Geschmackserlebnisse zu einem unvermittelten starken Erinnerungserlebnis führen können, heißt übrigens in Anlehnung an Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Prous “Madeleine-Effekt.” Meiner Meinung nach ist dieser Effekt (durch Sinneseindrücke jedweder Art ausgelöste Erinnerung) ein besonders starker Impuls für das Schreiben in den sozialen Medien, wenn beispielsweise in zahllosen Youtube-Kommentaren zu einer Playlist mit Nintendo-Sounds die User*innen über ihre dadurch ausgelösten Erinnerungen nachdenken:

Diese Art von Youtube-Kommentaren, in denen Menschen versuchen Worte dafür zu finden, wie das Gehörte auf sie wirkt und welche Erinnerungen es wachruft, sind eines meiner wirklich allerliebsten Textgenres in diesem Internet. (Ich habe vor einer Weile bereits in diesem Newsletter über poetische Youtube-Kommentare geschrieben).

Als ich übrigens 2019 einmal danach gefragt habe, ob Menschen in einem Tweet einen Geruch aus ihrer Kindheit beschreiben können, den sie nie vergessen werden, gab es über 500 Antworten. Ein Mosaik aus Erinnerungen und Gerüchen, das von zutiefst berührend und traurig bis wirklich lustig rangierte:


4.

Die jährlich stattfindende Met Gala ist immer wieder eine Riesenquelle für Memes und viralen Content. In diesem Jahr war es unter anderem das weiße Kleid der Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez, mit der Aufschrift “Tax the Rich”, das für viel Resonanz sorgte.

Die British Library hat übrigens in der Tradition des “X as Y”-Memes (ich schrieb darüber in diesem Newsletter) in einem Thread die Outfits der Met Gala mittelalterlicher Kunst gegenübergestellt


Wie sieht eine Gottheit aus, wenn sie auf der Welt erscheint? Vielleicht wie ein von einem hungrigen Goldfischschwarm umgebener schwarzer Schwan oder erscheint sie in Form eines wunderschönen vielfarbigen Pilzmosaiks?

Auf Twitter stellt sich jemand eine Kampfszene mit Jackie Chan vor, in der der Actionstar mit Möbelstücken gegen seine Gegner kämpft und am Ende nebenbei ein komplettes Ikea-Schlafzimmer aufgebaut hat. 

Mit desm Rezept für einen “DISILLUSIONING SCHNITZELFEVER”-Cocktail eines meiner Lieblingsbots (@cocktailfubar) wünsche ich euch einen guten Sonntag und eine entspannte nächste Woche mit erträglichem Wahlkampfrauschen im Hintergrund.

Danke für die freundlichen Nachrichten und Anregungen, die mich in der vergangenen Woche auf unterschiedlichen Wegen erreicht haben. Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich ebenfalls über eine sonntägliche eMail freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Für den Rest der Woche findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

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