Über Superreiche im Weltraum, Literaturpferde und mysteriöse Gegenstände

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In dieser Woche gab es eine Sonnenfinsternis und das ist natürlich ein perfekter Anlass für einen Tweet von Mrs. “Total Eclipse of the Heart” Bonnie Tyler. Der Tweet ist ein ziemlich gutes Beispiel für erfolgreiches Tweeten von Prominenten, denn besonders gut funktionieren sehr individuelle, humorvolle und sich selbst nicht ernstnehmende Tweets, wie sie beispielsweise auch Dionne Warwick oder Chrissy Teigen in den früheren Twitter-Jahren erfolgreich produziert haben. 

Es gibt nicht viele deutsche Politiker*innen, die gut auf Twitter oder in den sozialen Medien sind, obwohl die Möglichkeit sich auf Twitter authentisch-sympathisch und mit digitaler Affinität zu präsentieren, durchaus erfolgreich von unangenehmer Politik ablenken könnte. Bei mir hinterlässt Norbert Röttgens Auftritt mit regelmäßigen privaten aber offensichtlich selbstironischen Fotos die Frage, ob er entweder Twitter ganz gut beherrscht oder ihn eine Agentur berät, die ihm hilft regelmäßig Posts mit Meme-Potential zu bauen?


1.

Es gibt medial sichtbare prominente Menschen, die nicht nur zu Karrikaturen ihrer selbst werden, sondern zu Allegorien bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse oder politischer Probleme. Immer wieder entstehen Memes oder virale Tweets, die sich mit diesen Menschen auseinandersetzen: z.B. Jeff Bezos, Elon Musk, Boris Johnson.

In dieser Woche gab es viel Jeff Bezos Content, was wohl daran lag, dass sein Plan für einen Kurztrip in den Weltraum bekannt wurde. Daraufhin wurde ein Tweet mit einem Bild von Bezos geteilt, wie er einen Iguana isst, mit dem Text: “I think about this picture of Jeff Bezos eating an iguana a lot. A defining image of our time, a neo-gothic artefact, a 21st century vision of baroque. An utterly horrifying vibe.”

In den Kommentaren unter dem Tweet versammelten sich, neben dem bearbeiteten Bild mit dem Amazon-Pfeil, zahlreiche Vorschläge für andere Bilder mit dieser Qualität, also gleichzeitig gräßlich zu sein, aber auch den Zeitgeist perfekt zu illustrieren. Es wurde außerdem in der letzten Woche mit Change Petitionen gespielt: Eine Petition fordert, dass Bezos die Mona Lisa kauft und aufisst, eine andere Petition will ihm den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verbieten.


2.

Immer wieder gibt es Memes, die um den Arztberuf kreisen, einige davon spielen mit dem praktischen Nutzen und Status des Berufes, andere mit der Mehrdeutigkeit der Bezeichnung Doktor. Im Herbst 2019 gab es beispielsweise ein sehr sichtbares Meme, das einen formelhaften Dialog immer wieder für verschiedene Berufsbilder individualisierte. Dieses Meme-Format nennt sich Snowclone: Satzmuster werden kopiert, aber immer an einer bestimmten Stelle abgewandelt. Das “Is There A Doctor On This Flight?”-Meme von 2019 produzierte Variationen eines Dialogs, in dem eine Stewardess im Flugzeugt fragt: “Ist ein Doktor an Bord” und ein Vater zu seinem Kind sagt “Das hättest du sein können.”

Das Format des Witzes an sich ist uralt, aber es scheint so beliebt zu sein, dass es immer wieder neu mit unterschiedlichen Stockphotovarianten kombiniert wird. In verschiedenen Image Macro Variationen und Bildergeschichten, taucht es so seit unzähligen Jahren auf (und wird im Subreddit r/ComedyCemetery “Stuff that was intended to be humorous, but... isn't.” als extrem alter Witz regelmäßig weit nach oben gevoted).

Beispiel 1:

Beispiel 2:

Beispiel 3:

Der Witz ist für verschiedene Zielgruppen anschlussfähig und vermutlich auch genau deswegen so erfolgreich, denn er kann beispielsweise einerseits genutzt werden, um ein spezifisches Fachwissen zu präsentieren, lässt sich aber andererseits auch als anti-akademisches Ressentiment lesen (“außer Medizin sind Doktortitel nutzloser Unsinn”). Mit diesem Tenor kann der Witzu auch als politisches Meme verwendet werden, wie bespielsweise in der folgenden Bildstrecke, die sich gegen die Gender Studies richtet und als Meme in rechten Kontexten verwendet wird (Ich reproduziere dieses Meme im Kontext dieser kritischen Auseinandersetzung, weil es die politische Instrumentalisierung des Witzes sehr deutlich illsutriert):

Gleichzeitig kann der Witz auch als selbstironisches Statement in Bezug auf die eigenen Kompetenzen verwendet werden, wie in der letzten Woche, als im deutschsprachigen Raum eine neue Snowclone-Variante des Memes zirkulierte, der im Verlauf besonders von Wissenschaftler*innen aufgegriffen wurde:


3.

Die Autorin Juli Zeh und der Literaturkritiker Denis Scheck führen als Web-Reihe Reitgespräche miteinander. Es wird also auf dem Pferderücken über Literatur gesprochen, was an sich vermutlich eine nette Idee ist, Bilder aus der Sendung sind jedoch sofort zum Meme geworden. Ich mag dieses Meme-Format bei denen Tweet-Text und Bild kombiniert werden und finde interessant zu überlegen, welche Bilder besonders dazu aufrufen. In diesem Fall liegt es sicher an dem absurden Großgrundbesitzer- / Landadelgestus in Kostüm und Positionierung, die zu einer guten Fallhöhe führen und zu Spott einladen. 


4.

Beim G7-Gipfel in Cornwall wurde ein Bild von den anwesenden Staatschef*innen gemacht, bei dem alle in Distanz auf einem Podest stehen und es ist natürlich zum Meme geworden. Der in Variationen immer wiederkehrende Witz, dass die Politiker*innen aussehen wie Sammelfiguren wurde schließlich auch von dem Komiker Stephen Colbert aufgegriffen.


5.

Dieses Mal habe ich statt eines guten Twitter-Accounts ein Lieblingssubreddit von mir und zwar das r/whatisthisthing/, ein Subreddit in dem die Nutzer*innen Bilder von Gegenständen zeigen, auf die sie irgendwo gestoßen sind, vom Waldspaziergang bis zur Küchenschublade. Meist finden sich früher oder später Menschen, die erklären können, was auf dem Bild zu sehen ist.


In der letzten Woche habe ich auf Twitter ein Buchcover gesehen, bei dem ich mich gefragt habe, ob es echt ist. Antwort: Es ist echt. In Sibirien essen Bären in der Brandung Seegras und die Siberian Times teilt ein Video davon auf Twitter. Für die Besitzer*innen diebischer Katzen gibt es hier einen hilfreichen Tipp. 

Wie wird Universität in Filmen und Fernsehserien inszeniert und warum sieht das immer alles aus wie ein Moodboard zu “Dark Academia” – auf Twitter wurde diese Frage diskutiert. Hier gibt es Bilder eines absolut absurden römischen Tellers, der bei mir viele Fragen aufwirft und hier gibt es Zeichnungen aus dem 15. Jahrhundert mit Plänen für technische Innovationen (feuerspuckende Automaten!?!).

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und eine gute Woche! Habt ganz herzlichen Dank für alle Rückmeldungen, Hinweise auf spannende Phänomene und Anregungen. Sollte der Newsletter in eurem Spamfilter hängen bleiben, dann hilft es den Absender zu eurem Adressbuch hinzuzufügen. Wenn euch der Newsletter gefällt, freue ich mich natürlich auch weiterhin sehr über Weiterempfehlungen. Ihr findet mich auf Twitter und auf Instagram.

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