Über Sondierungen, Beziehungsprobleme und einen fröhlichen Elefanten

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Der Wahlsonntag hat die Temperatur in meinen Social Media Timelines um einige Grad erhöht und in den Tagen darauf entlud sich diese Anspannung in unendlichen Memes. Ich habe in der letzten Woche mehr mit RefaceApp, FaceApp, Gradient etc. bearbeitete Bilder durch meine Timeline fliegen gesehen, als je zuvor. Vermutlich hat die Woche nach der Wahl auch in Deutschland die Bildbearbeitung mit den gängigen AI-Filtern – z.B. Menschen singen lassen, Menschen älter oder jünger wirken lassen etc. – in den Mainstream gedrückt. (Möchte jemand Karl Lauterbach und Christian Drosten gemeinsam Stayin’ Alive singen hören?)


1.

Als prominente Person im Jahr 2021 hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man meistert die sozialen Medien und wird dort zu einem noch größeren Star (z.B. Lizzo, Lil Nas X, Mandy Patinkin) oder man behauptet standhaft, dass man sich von all dem fernhält und erzeugt so ebenfalls Resonanz. In der letzten Woche hat Daniel Craig mit dem zweiten Weg für ordentlich Presse gesorgt. 

Am 7. März 2020 hat er die Fernsehshow SNL gehosted und ein Clip, in dem er den Musiker The Weeknd ankündigt, ist danach zu einem erfolgreichen Meme geworden. Im Juli 2020 wurde der Account @CraigWeekend gestartet, der seitdem mit großem Erfolg jeden Freitag den kurzen Clip teilt, in dem Daniel Craig sagt: “Ladies and Gentlemen: The Weeknd.” und dann Applaus ausbricht. Mittlerweile hat der Account knapp 500.00 Follower, aber Daniel Craig hat in einem New York Times Interview trotzdem behauptet, von seinem Meme-Status noch nichts mitbekommen zu haben: “They do? It’s amazing. I don’t know what that is, but thank you. That’s lovely. I suppose I’d have to have social media to know what that was all about.” 


2.

Vermutlich hätte ich einen ganzen Newsletter nur mit den unendlichen Variationen des Sondierungsgespräch-Memes teilen können. In die aufgeheizte Stimmung nach der Wahl platzte das von Baerbock, Habeck, Wissing und Lindner auf Instagram viermal ungefähr zeitgleich (wenn auch mit unterschiedlichen Filtern) geteilte Selfie der Gruppe mit dem Text: “Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten.”

Sofort entstanden soviele Memes, das bereits einen Tag später zahlreiche Beiträge mit verschiedenen Best-Offs in den etablierten Massenmedien erschienen, oft mit dem Tenor “Darüber lacht das Netz.” Auch Analysen gibt es schon einige, darunter Vergleiche mit den Balkonbildern der letzten Regierungsbildung. Es ist sicherlich sinnvoll am Beispiel dieses Memes über die veränderte politische Kommunikation in Zeiten sozialer Medien zu sprechen, über neue Formen der Selbstinszenierung und Interaktion mit dem Publikum.

Ich möchte aber statt eines BestOffs verschiedener Varianten und Überlegungen zu den politischen Aspekten des Memes in diesem Newsletter darüber nachdenken, wie solche Mainstream-Memes sich ausdifferenzieren. Zunächst lud das Instagram Bild aufgrund der Kombination von Bild und Text zu zwei verschiedenen Meme-Strategien ein: einer Verwendung des Bildes oder einer Verwendung des Textes. Beide Varianten entstanden quasi sofort nachdem das Bild geteilt wurde. In der Text-Variante wird die Instagram-Beschreibung mit vielen verschiedenen Bildern aus unterscheidlichsten Kontexten kombiniert:

Bei den Memes, die sich auf das Bild konzentrieren, wird zunächst der etablierte Weg beschritten, das Bild als Visualisierung einer im Tweet formulierten sozialen Situation einzusetzen. Die Komik arbeitet hier mit der Replatzierung des Bildes in einen völlig anderen sozialen Kontext, der durch den Tweettext markiert wird:

Interessant war bei dem Sondierungsmeme, wie häufig AI gestützte Bildbearbeitung eingesetzt wurde: Die Personen auf dem Selfie wurden künstlich verjüngt, sie wurden künstlich gealtert oder die Gesichter gemorphed. Noch viel beliebter war es aber die vier Politiker*innen zu animieren und etwas singen zu lassen: neben vielen anderen beispielsweise Roxettes Joyride, Lizzos Juice, Haddaways What is Love und auch das Protestlied Bella Ciao.

Zu den singenden Politiker*innen gehört peripher auch die auf Twitter beliebte Frage “Name This Band”, die auch für das Sondierungsselfie gestellt wurde. Parodiecover des zugehörigen Albums gab es dann natürlich auch:

Und wie immer in der Phase zwischen der extremen Ausdifferenzierung von Memes und der Phase, in der die Langeweile über die Omnipräsenz des Memes selbst zu Meme wird, wurden auch wieder Memes kombiniert:


3.

Was bedeutet es als jugendliches Paar im Jahr fünf nach TikTok eine Liebesbeziehung zu führen? In den letzten Tagen gab es ein interessantes Beispiel für die Probleme, die entstehen können, wenn ein auf TikTok geteilter Beziehungsmoment plötzlich viral geteilt wird und tausende von Menschen Meinungen äußern.

Am 22. September teilte Lauren Zarras ein Video von ihrem Überraschungsbesuch bei ihrem Freund, mit dem sie eine Distanzbeziehung führt. Er sitzt mit Freundinnen auf der Couch und springt nicht sofort enthusiastisch auf, sondern ist für einen kurzen Moment eher reserviert.

Das Video wurde mittlerweile 33,5 Millionen mal angeschaut und TikTok diskutiert leidenschaftlich darüber, ob die Reaktion des als “Couch Guy” bezeichneten Jungen ein Warnsignal für die Beziehung sei, während Lauren Zarras sich in Videos gegen diese Lesart verteidigt. In Videos reagieren weitere TikToker auf das Video, indem sie beispielsweise die Reaktionen der auf dem Sofa sitzenden Frauen karikieren oder die Szene parodierend nachspielen.

Couch Guy wurde so zum Main Character der letzten Tage und hat mehrere Überblicksartikel auf Online-Portalen inspiriert. Aus der Debatte über das so zum öffentlichen Gegenstand gewordene Paar kann man einiges an Gedanken zum Thema romantische Liebe ablesen, die weiterhin sehr stark von Hollywood-Tropen geprägt zu sein scheint, aber auch darüber, wie große Mengen an User*innen ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen auf einen sekundenlangen Ausschnitt aus dem Leben eines jungen Paares projizieren.


In diesem Tweet erzählt jemand davon, aus Versehen die Netflix-Serie mit Folge 2 gestartet zu haben und wie gut es war auf die Charakterexposition zu verzichten. In den Antworten gibt es dann viele Beispiele von Menschen, die eine Fehlrezeption entweder nicht bemerkt oder sogar genossen haben. Erinnert mich daran, wie ich einmal Tucholskys “Schloss Gripsholm” als Hörbuch versehentlich im Shuffle-Mode hörte und eine halbe Stunde lang wirklich verwirrt war von Tucholskys mir sehr postmodern erscheinenden Erzählverfahren. Und wo wir gerade bei Medien sind: Diesen Tweet, in dem eine alte Dame eine Fotokopie ihres Smartphones versendet, um ein Bild zu teilen, fand ich sehr schön. 

Mit diesem Foto eines ausgesprochen fröhlichen Elefantenkindes wünsche ich euch einen schönen Sonntag und eine entspannte nächste Woche. Wie immer danke ich euch für all die freundlichen Nachrichten und Hinweise, die mich auf unterschiedlichsten Wegen in jeder Woche erreichen. Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich ebenfalls über eine sonntägliche eMail freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Für den Rest der Woche findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

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