Über poetische Youtube-Kommentare, Erotika auf Twitter und literarische Playlists

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Es ist Pfingsten, Eurovision und ich bin in dieser Woche müder als sonst, deswegen wird es dieses Mal ein etwas kürzerer Newsletter werden. Zunächst wollte ich länger darüber schreiben, was passiert, wenn ein Meme mit Mobbing/Shitstorm verwechselt wird, aber das spare ich mir. Dafür werde ich euch in diesem Newsletter anhand von drei Beispielen zeigen, wie auf ganz unterschiedliche Art und Weise im Internet Sprachkunst produziert wird. An völlig verschiedenen Orten entstehen unvermutet Räume für neue Formen von Literatur oder für neue Varianten der Literaturrezeption.


1.

Vor mittlerweile über zehn Jahren begann Mark Slutsky im Rahmen seines Projektes “Sad Youtube” Momente von herzerweichender Nostalgie in den Kommentaren unter Youtube-Musikvideos zu sammeln. Diese teilte er gemeinsam mit dem Song, unter dem er die Kommentare gefunden hatte. In den Kommentaren unter Youtube-Videos finden sich oft  – versteckt zwischen vielen übergriffigen und unangenehmen Kommentaren – kleine Vignetten mit Erinnerungen, Alltagsanekdoten oder besonders schönen Formulierungen in Reaktion auf das Video. Ende April schrieb Ryan Broderick in seinem Newsletter Garbage Day über die erstaunlich schönen Youtube-Kommentare unter einem Video von Haruomi Hosono und lustigerweise stieß ich am selben Tag auch auf besonders schöne Youtube-Kommentare unter diesem Video. Besonders Videos mit längeren Playlists scheinen eine Vielfalt solcher poetischen und kreativen Reaktionen zu verursachen, die auch zu einer Art kollektivem Schreibprozess werden können und in ihrer Kombination Teil des ästhetischen Reizes der Videos ausmachen. Einige dieser Kommentare sind derartig sprachbildlich prägnant und in Zusammenwirkung mit dem Video so genial formuliert, dass ich sie ohne zu zögern als Kunst bezeichnen würde. In dieser Woche habe ich dann noch einen Tweet von @Philboheme gesehen, der sich ebenfalls auf interessante Kommentare unter Youtube-Videos bezog.


2.

Die Titel von Spotify-Playlists werden immer wieder im Kontext von Memes eingesetzt, beispielsweise in dieser Playlist zum “Laschet isst Sand”-Meme. Die Kombination von formulierter Überschrift und dazu ausgewählten Liedern dürfte ein interessanter Gegenstand für die Intermedialitätsforschung sein. Es gibt beispielsweise mehrere Playlists zu dem realen Kriminalfall des Mordes an JonBenet oder zahlreiche Playlists mit Anspielungen auf Romantitel wie “Moby Dick” oder Autorinnen wie Jane Austen. Der Inhalt oder die ästhetische Stimmung von Romanen wird in manchen dieser Playlists in eine Musikauswahl übersetzte, die als eine Form aktiver Lektürerezeption einiges über Lesarten der Romane oder Autor*innen verrät. Diese Playlists wären nicht nur empirisch, das heißt, in Bezug auf die Frage, ob bestimmte Songs oder Musikrichtungen besonders oft im Kontext eines Romans auftauchen, ein interessanter Untersuchungsgegenstand.


3.

Beim Nachdenken über Literatur auf Twitter wird oft anhand etablierter Parameter von Literatur gedacht: Was schreiben im Litertaubetrieb angekommene Autor*innen in die sozialen Medien? Kann man Lyrik oder andere Erzählformen verlustfrei in die sozialen Medien übertragen? Dieser Fokus auf das bereits Bewährte kann manchmal den Blick auf das Neue verstellen. Kathrin Passig hat zu diesem Medienwandelphänomen geschrieben:

„Wenn ein neues Gerät oder Medium auftaucht, dauert es eine Weile, bis alle aufhören, mit dem neuen Ding dasselbe zu machen und dasselbe darüber zu denken, was man schon mit dem Vorgängerding machen und über das Vorgängerding denken konnte. Wir leben noch lange im Alten, obwohl die Möglichkeiten des Neuen schon da sind und für spätere Betrachter unübersehbar sein werden.“ (Kathrin Passig. Vielleicht ist das neu und erfreulich: Technik. Literatur. Kritik (Zur Kunst des Schreibens 2). Droschl, 2019)

Vielleicht interessieren mich deswegen Formen literarischer Memes oder neue Varianten des kollektiven Schreibens so stark, weil ich das Gefühl habe, dass dort etwas formal Neues entsteht. In der letzten Woche bin ich jedoch auf zwei englische Beispiele gestoßen bzw. aufmerksam gemacht worden, die sehr konventionelles lineares Erzählen auf Twitter umsetzen, dabei aber trotzdem ziemlich innovativ wirken: eine “Venture Capitalist Erotica Parodie” in Tweets und diesen langen Thread mit Bildern und anderen thematisch passenden Links, der eine ganz eigene Form des Storytelling ausprobiert.


4.

Der Account @gone_things verändert die Anfänge von Wikipedia-Artikeln immer mit der Formel “A #[Name des Artikels] was…” und erweckt so den Eindruck, dass das Beschriebene nun ein Phänomen aus der Vergangenheit sei. Besonders treffend war das, als der Account im letzten Mai das Verschwinden der Umarmungen postulierte.


Habt ihr schon mal in eurer Hasenform das Dorf besucht, ohne euch in menschliche Form zurückzuverwandeln? Zum Thema “Schule + Social Media” habe ich diesen Tweet gesehen, mit der Schulaufgabe Tweets für historische Persönlichkeiten zu produzieren.

In der letzten Woche gab es auch diesen viralen Thread eines SZ-Journalisten mit Gemälden, die sich im Kontext der Pandemie neu sehen lassen. Besonders spannend darunter der Kommentar des SZ-Kollegen: “Hättest Du das nicht auf Twitter verballert, hätten wir eine Titelgeschichte draus gemacht.” In diesem Austausch steckt ein kleiner Kommentar zum Status der Printmedien in Zeiten von Social Media. 

Zum Abschluss: Eigentlich wollte ich dieses großartige KI-Lyrikprojekt nicht teilen, weil ich ständig draufklicke, aber alle Gedichte immer schon angeschaut sind und ich deswegen noch keines verwerfen oder behalten konnte, aber es ist einfach zu gut. Klickt drauf, aber lasst mir noch ein paar Gedichte übrig!

Ich wünsche euch einen erholsamen Sonntag und nach dem verlängerten Wochenende einen guten Start in die Woche! Ein großer Dank an alle, die sich in der letzten Woche bei mir mit Hinweisen oder einer freundlichen Nachricht gemeldet, den Newsletter gefavt oder geteilt haben.

Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich ebenfalls über eine sonntägliche eMail von mir freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Für den Rest der Woche findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

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