Über neue Literaturformen, Bennifer und altägyptische Socken

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Es ist nicht nur ein Wochenende mit großer Hitze (und vielen vielen vielen Kommentaren dazu in den sozialen Medien), sondern auch das Wochenende an dem die große Konferenz “Writing with CARE / RAGE” zu Care-Arbeit und Autor*innenschaft stattfindet, die ich als Teil des veranstaltenden Autorinnenkollektivs mitorganisiert habe. Deswegen verbringe ich zwar viel Zeit online, verfolge aber die meiste Zeit den Hashtag #WritingWithCare und die Panels der Konferenz. Dementsprechend wird ein Teil dieses Newsletter sich auch mit einem Thema der Konferenz befassen, dem offenen Textrhizom.


1.

Im Kontext der Konferenz “Writing with CARE / RAGE” wurde ein offenes Google-Doc gestartet, in dem gemeinsam schreibend über Care-Work und Autor*innenschaft nachgedacht wurde. Das Dokument ist noch bis Sonntag um 14:00 Uhr offen und es ist in sehr kurzer Zeit schon ziemlich umfangreich geworden.

Ich habe beim Mitlesen und Mitschreiben darüber nachgedacht, was dieses kollektive Schreiben, die Gleichzeitigkeit und das wechselseite Weiterschreiben, für die Literatur bedeuten könnte. Nicht nur hebt der Prozess die einzelne Autor*inneninstanz auf, es vermischt sich auch das Schreiben und Lesen miteinander. Der gesamte Leseprozess wird interaktiver und spielerischer, weil man den vielen verschiedenfarbigen Cursor-Symbolen folgt, versucht herauszufinden, wo der nächste Satz erscheinen wird. Der literarische Text bekommt so eine beinahe theatrale Qualität, weil plötzlich die “Liveness” des Schreibprozesses viel stärker in den Vordergrund tritt.


2.

Ich habe bereits in einem vergangenen Newsletter über die Nostalgie der aktuell um die 40-Jährigen für die 1990er Jahre und die Friends-Reunion geschrieben, nun gab es in der letzten Woche ein weiteres 90s/00s Revival: Bennifer ist wieder da.

“It is, frankly, a perfect storm of a news story. It has no jeopardy, no malice, only hope and reminiscence. There’s the concentrated ‘90s-ness of Ben and Jen Part 1 and our suddenly insatiable appetite for that era. ’90s pics are the antidote to your doom scroll, the nice bit that doesn’t make you feel desperately sad.” (Raven Smith: “Why Bennifer Matters” in: Vogue, 16.6.2021)

Der Gegensatz von früher und heute, das Älter werden, die Nostalgie für eine Zeit, die retrospektiv als einfacher empfunden wird, zeigt sich auch in zahlreichen Tweets und Memes zum Thema:


3.

Ich hatte bereits in der letzten Woche überlegt zu dem ubiquitären Anakin-Padme-Meme zu schreiben, das sich rauf und runter in meiner Timeline finden ließ. Dann gab es aber einiges anderes und ich habe es vergessen. In dieser Woche ging der Anakin-Padme-Spaß tatsächlich weiter, deswegen lohnt es sich zumindest kurz auf das Meme zu schauen.

Es gibt eine Szene aus dem Film “Star Wars: Episode II – Attack of the Clones” von 2002, in der Padme und Anakin (der später Darth Vader wird) sich miteinander unterhalten. Anakin äußert sich in dem Gespräch sehr positiv über ein politisches System, in dem ein mächtiger Anführer entscheiden darf (“Well if it works”), was Padme nachhaltig erschreckt.

Das Meme besteht aus vier Feldern: Die oberen beiden Felder stellen den geführten Dialog da, mit höflich gequältem Lächeln von Pasme, während die unteren beiden Bilder als eine Art Reaktion auf den Dialog in den oberen Bildern zu sehen sind. Im dritten Bild ist Anakins Gesicht im Close-Up (ein beliebtes Stilmittel bei Panel-Memes) und im vierten Bild wiederholt Padme einfach die Frage aus dem zweiten Bild aber mit erschreckt-ungläubigem Gesichtsausdruck. Das formale Muster lässt sich für verschiedenste Inhalte einsetzen, was vermutlich die extreme Beliebtheit erklärt.

Gleichzeitig passt der originale Kontext – politisch problematische Ideen entlarven sich unvermittelt in einem eigentlich als Freizeit gedachten Gespräch – ausgesprochen gut zu einer Zeit, in der man immer wieder schockiert ist, weil das Gegenüber in einer unverfänglichen sozialen Situation sich beispielsweise als Querdenker oder Impfgegner herauststellt. Das Meme drückt so auch das unvermittelte Schockgefühl in einer eigentlich harmlosen Gesprächssituation aus, das vermutlich viele in den letzten Monaten auf irgendeine Weise erlebt haben.

Als Weiterentwicklung des Memes wurden in den letzten Tagen die Anakin-Bilder ersetzt, wobei das originale Muster (Close Up in Bild 3) aber erhalten bleibt :


4.

Der Account @tardigradopedia tweetet über die winzig kleinen Bärtierchen (tardigrades) und Astrobiologie. Verantwortlich für den Account ist Rafael Martín Ledo, ein Filmemacher für mikroskopisches Leben und deswegen sind die Clips und das Bildmaterial, das geteilt wird, sehr spektakulär. Falls ihr also noch nicht in Bärtierchen verliebt wart, werdet ihr es bald sein, denn süße Kätzchenbilder verblassen im Vergleich mit den kleinen Bärtierchen.


In meiner Timeline tauchte in der letzten Woche eine altägyptische Wollsocke auf, eine für Biologie-Lehrer*innen sehr interessante Katzenfamilie und ein viraler Tweet über Sehstörungen (Glaskörperflocken). Außerdem wurde gefragt, was passiert, wenn ein Proktologe seiner kleinen Tochter seinen Beruf erklärt?

Hier gibt es Nirvanas “Smells like Teen Spirit” in unzähligen Variationen auf dem Synthesizer gespielt. Die sozialen Medien lieben Hegel und auch in der letzten Woche gab es mal wieder einen viralen Hegel-Tweet. Mit diesem interessanten Tweet zu dem römischen Rennpferd Polidoxus und diesem Thread zu einem Familienbesuch mit Wackelaugen wünsche ich euch eine schönen Sommersonntag und eine gute kommende Woche. 

Danke für all die guten Hinweise und freundlichen Nachrichten der letzten Woche. Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich ebenfalls über eine sonntägliche eMail freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Für den Rest der Woche findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

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