Über nachdenkliche Politiker, Virusninjas und Wunderkammern

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Es ist die Woche vor Ostern und wie schon in den Wochen vor Weihnachten, wundere ich mich darüber, wie sehr die Perspektive der bevorstehenden christlichen Feiertage notwendige politische Entscheidungen zu lähmen scheint. Die Frustration vieler Menschen in meiner Timeline steigt proportional zu den Fallzahlen und findet auch Ausdruck in Memes.

Aufgrund des Feiertagswochenendes, werde ich den Newsletter in dieser Woche etwas knapper halten und stattdessen einen Osterzopf backen. Außerdem werde in einem Unterpunkt über den Newsletter selbst nachdenken, denn nicht nur ist dies bereits die 25. Ausgabe, ich feiere aktuell auch, dass sich mittlerweile 1000 Menschen für den Newsletter angemeldet haben. Ich freue mich darüber, dass ihr alle dabei seid, mitlest, mich auf Phänomene hinweist und mit mir gemeinsam weiterdenkt. Danke!


1.

Sportvideos auf Youtube sind schon lange beliebt, aber mit der Pandemie und den vielen Kindern, die im Zusammenhang mit Schulschließungen zu Hause bleiben mussten, tauchten erstaunlich viele Bewegungsvideos für Kinder auf der Plattform auf. Das ist an und für sich noch nicht aufregend, denn die Nachfrage der im Homeoffice sitzenden Eltern nach guten Angeboten für ihre Kinder, ist sicherlich hoch und das ist ein starker Anreiz für die Produktion solcher Videos. Viele der Sportangebote bieten in teilweiser guter Qualität Bewegungsreisen für Kinder an, in denen die Sportübungen in eine Erzählung eingebttet werden. Die Kinder können so einen Tauchausflug machen, einen Piratenschatz erobern oder Tieryoga machen.

Während die deutschsprachigen Videos also sehr stark auf pädagogisch gut etablierte Themenwelten setzen, werden in englischsprachigen Sportvideos sehr viel öfter Elemente aus Computerspielen aufgegriffen, die Kinder bei ihrer Mediennutzung abholen. In diesen Videos werden Jump ‘n’ Run Spiele zur Vorlage genommen, es wird als Ninja gegen den Virus gekämpft oder es werden Fortnite-Tänze eingebaut, Mario Kart Sportübungen vorgeführt, Trainingsaufgaben mit Among Us verknüpft oder Minecraft Fitness Runs produziert. Ich habe den Verdacht, dass man bei einer gründlicheren Untersuchung dieser Bewegungsvideos für Kinder gerade im internationalen Vergleich einiges über unterschiedliche Zugänge zu Computerspielen erfahren könnte.


2.

Der CDU-Bundesvorsitzende und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet sagte in einem Interview erstaunlich planlos, dass man gemeinsam die Ostertage nutzen solle, um über die besten Maßnahmen gegen die dritte Pandemiewelle nachzudenken. Aus dieser Steilvorlage wird natürlich ein Meme. Unter dem Hashtag #Laschetdenktnach finden sich sehr viele Tweets mit Bildern eines nachdenklichen Laschets in Kombination mit Wortspielwitzgedanken, die sich Laschet gerade machen könnte, von Scheuermilch über Mandelöl bis zu Ostern und Meteoriten. Das #LaschetDenktNach-Meme ist sicher eines der Pandemiememes, das wesentlich auch der Frustkompensation dient.

(Beim Schreiben dieses Newsletters wird übrigens gerade auch ein Bild von Julia Klöckner in pinkem Hosenanzug vor einer Gruppe von Schafen hockend zum Meme.)


3.

Tweets zum Thema Ostern gab es in den letzten Tagen auch.


4.

Dies ist bereits der 25. Newsletter und als Jubiläumsgeschenk an mich, erlaube ich mir ein wenig über den Newsletter selbst nachzudenken. Ich habe diesen Newsletter recht spontan im Oktober 2020 gestartet, mit dem Ziel meine Woche im Internet zu dokumentieren und als Grundidee für die “About”-Seite folgendes formuliert: 

“Ein Jahrhundert später muss das Flanieren neu gedacht werden, um die allgegenwärtige Verzahnung von virtuellem und realem Raum mitzubedenken. Die Phoneure betreten die Bühne und lassen sich durch das Internet treiben, vernetzen dabei Online und Offline. In meinem Newsletter möchte ich deswegen in einer Art Wunderkammer der Phoeneurie verschiedenste Dinge sammeln, die ich online gefunden habe, die mich interessiert und inspiriert haben.”

Die Metapher der Wunderkammer habe ich damals gewählt, weil ich zufälligerweise gerade einen interessanten schon älteren Artikel zu einem gegenwärtigen Konzept der Wunderkammer gelesen hatte, in dem es auch darum ging, dass wir zu einer. Kultur des Staunens zurückkehren:

Mittlerweile steuern wir jedoch ziemlich gradlinig in ein nachsystematisches Zeitalter, in dem Eklektizismus seine negative Konnotation einbüßt und in dem das Neben- und Miteinander scheinbar nur schwer kombinierbarer Elemente zum Leitprogramm gehört. (Ben Kaden: “Das Konzept Wunderkammer heute” In: LIBREAS. Library Ideas, 21 (2012)

(Hubert Burda hat übrigens schon 2010 das Internet als Wunderkammer der Gegenwart bezeichnet und auch wenn dessen Überlegungen eher im Kontext einer Wende zur Bildlichkeit und weniger in Bezug auf eine Renaissance des Staunens und der Verwunderung gesehen werden müssen, ist die Metapher der Wunderkammer wohl auf mehreren Ebenen anschlussfähig, wenn man über das Internet spricht.) 

Ich kombiniere in diesem Newsletter Fundstücke, Themen und Gedanken, deren wesentlicher Zusammenhang vor allem ist, dass ich Online auf sie gestoßen bin und sie mich auf die eine oder andere Weise fasziniert haben. Es geht mir also Woche für Woche nicht darum Dinge zu systematisieren und ich erhebe auch keinerlei Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit meines Sammelns. Stattdessen fische ich die für mich interessanten Aspekte aus der vergangenen Internetwoche heraus, im vollen Bewusstsein, dass jede Timeline individuell zusammegestellt ist. Der Newsletter ist also auch eine Art Lokalzeitung für meine spezifische Nische in den sozialen Medien.

Mein Anspruch an diesen Newsletter ist nicht nur dokumentarisch oder archivarisch, auch wenn es ein schöner Effekt ist, dass ich die Flüchtigkeit sozialmedialer Phänomene einfange und so für mich selbst und die Leser*innen nachvollziehbar mache. Mir geht es darum zu versuchen Internetphänomene gedanklich einzuordnen, Memes besser zu verstehen und in Bezug zu einem größeren Kontext zu setzen. Ich freue mich, wenn daraus Gespräche entstehen und diese Impulse aufgegriffen und weitergedacht werden. Die Resonanz der letzten Monate hat mir gezeigt, dass es ein Bedürfnis gibt die vergangene Internetwoche Revue passieren zu lassen. Ich freue mich auf die nächsten 25. Newsletter!


5.

In dieser Woche empfehle ich euch den Account @PicardTips, einen der Star Trek Accounts von Joe Sondow – Es gibt auch noch @RikerGoogling und @WorfEmail.


Der meiner Meinung nach beste 1. April Post/Thread aus diesem Jahres hat übrigens mit dem Voynich-Manuskript zu tun. Bei Reddit gibt es einen User, der jeden Tag Paddington in einen weiteren Filmstill hinein photoshopped und ich denke, dass das ein guter Weg ist seine Lebenszeit zu verbringen. Ich habe in der letzten Woche durch diesen Tweet gelernt, dass Eulen kein wasserabweisendes Gefieder haben und deswegen extrem lustig aussehen, wenn sie doch einmal nass werden.

Hier ist ein Thread, der die sexuellen Vorlieben von hetero Männern aus den einzelnen Hogwarts-Häusern auflistet. Sehr gut war in der letzten Woche auch dieser sehr lange Thread mit Überlegungen dazu, ob und wie man einen Kampf gegen einen Schimpansen gewinnen könnte und dieser Thread mit Bildern von Premier League Trainern und ihren Doppelgängern in Gemälden.

Habt ganz herzlichen Dank für die vielen netten Rückmeldungen, Hinweise und Anregungen in den vergangenen Tagen. Ich wünsche euch entspannte Feiertage.

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