Über Internetdämonen, einen Polarfuchs und CAPTCHAs

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Es ging in dieser Woche weiter mit Sondierungs-Memes und auch ansonsten ist einiges passiert, was die Timelines mehr oder weniger in Aufregung versetzt hat. Nachgedacht habe ich länger über diesen Tweet, in dem @martyrmade schreibt: “Your memories of what life was like before the internet are among your most sacred recollections. When we (old Millennial/Young Gen X) pass from the scene, the memory of that world goes with us, forever.”

Ich bin noch zu keiner abschließenden Meinung gekommen, aber würde mich gerne länger darüber unterhalten, was es bedeutet sein ganzes Leben Online gewesen zu sein und wie es sich im Gegensatz dazu anfühlt, Erinnerungen an eine Zeit ohne das Internet zu haben.

Über die Frage was Privatheit bedeuten kann, wenn man schon sehr lang Spuren Online hinterlassen hat, habe ich übrigens im Radio gesprochen und kann auch den aktuellen Newsletter von Teresa Bücker empfehlen, der das Thema ebenfalls aufgreift und teilweise zu ähnlichen Schlüssen kommt.


1.

In Island hat in den letzten Wochen der isländische Rapper und Social Media Star Gústi B. auf TikTok für Aufruhr gesorgt, weil er mitten in der Innenstadt von Reykjavik einen Polarfuchs – genannt Gústi Jr. – als Haustier hält und das Tier in zahlreichen Videos inszeniert, die auf TikTok recht großen Erfolg haben. Der Tierschutz wies schließlich auf Facebook (interessante Plattformdistribution in dem Konflikt) den Mann darauf hin, dass die Haltung von Wildtieren gegen das Gesetz ist und es in Reykjavík einen zentralen Ort gibt, an dem diese Tiere aufgenommen werden.

Die Geschichte ist aktuell noch nicht abschließend geklärt, aber sie verweist auf ein spezifisches Problem von Tiercontent in den sozialen Medien, über das sicherlich noch mehr gesprochen werden muss: Wie geht es eigentlich den Lebewesen, deren cute Inszenierungen wir in unseren Timelines konsumieren?


2.

Im Sommer hat Ebay relativ unbemerkt eine neue Richtlinie umgesetzte und den meisten nicht jugendfreien Content auf der Plattform verboten. (Wer mehr dazu wissen möchte, findet Informationen in diesem Artikel). Der Bann hat die Pornoverkäufer*innen auf der Plattform zwar getroffen, aber es gibt wohl schon lange eine Subkultur auf Ebay, bei der Kund*innen und Verkäufer*innen über vollkommen harmlos wirkende Angebote miteinander in Kontakt treten.

Immer mal wieder stößt man auf Ebay auf Angebote, bei denen Produkte auffällig sexualisiert angeboten werden, wie hier beispielsweise bei Pokemonsammelkarten. Diese Inszenierungen fallen nicht unter die neuen Plattformregeln, man muss sich aber vermutlich fragen, ob diese Angebote vielleicht nur Chiffren sind.

Im Januar gab es eine Cosmopolitan-Recherche zum Thema, die auch kritisch thematisiert, was es bedeutet, dass Verkäuferinnen auf der Plattform ungewünscht Nachrichten bekommen, in denen sie um pornographisches Material oder Gegenstände für Fetische gebeten werden:

I’m so bored of having to police myself all the time, to be on my guard for harassment. I should be able to post a picture of myself in a dress for sale without being contacted by people like Paul or Velvet. We must refuse to accept this behaviour and report it to the relevant platforms when we see it and, if necessary, the police. But perhaps more importantly, these companies must protect their users, ensuring they enforce their policies to the fullest. (Jennifer Savin: “The hidden sexual underworld of eBay and Depop.” Cosmopolitan, 13.1.2021)


3.

In der letzten Woche ging wieder ein “Schiff des Theseus”-CAPTCHA Bild viral, das schon länger auf Reddit zirkuliert und auch auf Twitter bereits einmal viralen Erfolg hatte. Das CAPTCHA-Bild spielt mit dem philosophischen Gedankenexperiment, ob ein Schiff noch dasselbe ist, wenn alle seine Bestandteile ausgetauscht worden sind. Ich finde CAPTCHA-Memes grundsätzlich interessant, weil sie voraussetzen, dass die Betrachter des Bildes wissen, dass durch die spezifischen Bilderkennungs-Aufgaben herausgefunden werden soll, ob sie ein Mensch oder ein Computerprogramm sind. Ein CAPTCHA-Bild nun auf diese Weise mit einer philosophischen Frage aufzuladen, die auch von Menschen nicht mehr einfach zu beantworten ist, halte ich für eine ziemlich geniale Idee. Ein anderes Beispiel für eine solche Anverwandlung ist diese Version mit René Magrittes berühmtem Bild:

Auch zu Schrödingers Katze – die im Internet sowieso sehr beliebt ist, aber das ist ein anderes Thema – gibt es ein eigenes Bild. CAPTCHA-Memes sind mittlerweile ein eigenes Genre, das häufig damit spielt, dass es manchmal gar nicht so leicht ist zu entscheiden, wo auf dem gezeigten Bild die Ampeln, Fahrzeuge etc sind, nach denen gefragt wird. In der breiten Arena politischer Meme-Versuche spielen CAPTCHAs schon länger eine entscheidende Rolle, weil es sehr einfach ist mit Fragen wie beispielsweise “Select all squares with an idiot” ein Statement zu machen (hier am Beispiel Joe Biden).

In den mittlerweile beinahe 20 Jahren seitdem der Begriff CAPTCHA (Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart) erfunden wurde, haben sich die technologischen Ausgestaltungen regelmäßig verändert und jede neue Variation zieht andere kreative Auseinandersetzungen nach sich. Schon vor einer Dekade wurde CAPTCHArt ein Phänomen auf 4Chan, als User*innen begannen Bilder zu den ihnen zufällig zugewiesenen Wortkombinationen zu gestalten:

Und aus einer ähnlichen Zeit kommt die Folklore-Parodie eines Dämonen namens Inglip, der über CAPTCHAs mit den Menschen kommuniziert.

CAPTCHAs als Alltagstests, die zwischen Mensch und Maschine unterscheiden sollen, sind also ein technisches Phänomen, das zu extremer Kreativität anregt und dabei auch immer wieder zu Gedanken, die sich auf unser Verhältnis zur Technologie selbst beziehen. Sollte irgendwann endlich mal ein Museum auf die Idee kommen eine große CAPTCHA-Ausstellung zu machen – man könnte anhand des Phänomens soviel erzählen – dann gebt mir unbedingt Bescheid.


In diesem Tweet gibt es gute Gründe sich mit Frankensteins Monster zu identifizieren. In Leeds hat sich ein Bäcker sehr geärgert, weil er aus den USA importierte Streusel nicht mehr verwenden darf und Twitter hat sich darüber gefreut. Und in den letzten Woche gab es wieder neue Main Character auf Twitter, das heißt Menschen, um die sich unzählige Tweets und Gespräche drehen. Wie ratlos man manchmal versucht die Bezüge herzustellen, drückt dieser Tweet sehr gut aus.

Mit diesem Video von Goldenen Schildkrötenkäfern wünsche ich euch eine abenteuerliche kommende Woche. Wie immer danke ich für all die freundlichen Nachrichten! Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich ebenfalls über eine sonntägliche eMail freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Für den Rest der Woche findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.

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