Über Doomscrolling, Schwellenorte und Herbstpläne

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Der Wahlkampf zieht in den sozialen Medien von Woche zu Woche an und wird immer stärker auch über Memes geführt. Delta ruiniert unsere Herbstpläne und global geht es ziemlich zur Sache. Bereits vor einer Weile habe ich angefangen über Doomscrolling und die Klimakatastrophe nachzudenken – ein Thema, das meine Timeline der letzten Wochen stark geprägt hat. Um all diese Themen wird es in diesem zweiten Newsletter nach der Sommerpause gehen.


1.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich Laschet-Auftritte für Memes eignen und wie unprofessionell und veraltet offensichtlich seine Presse-Strategie ist, da wohl wirklich überhaupt nicht in diese Richtung gedacht oder gearbeitet wird. In der letzten Woche gab es dann also einen Pressetermin mit Elon Musk, der als Person sowieso ein eigenes Meme ist und dessen Auftritt mit dem Kanzlerkandidat selbstverständlich für Aufmerksamkeit in den sozialen Medien sorgte. Dass Musk in einer sonderbaren Videosequenz so aussieht, als würde er über Laschet lachen ist noch ein eigenes etwas anders gelagertes PR-Problem, aber dass die Meme-Vorlage, die aus den Bildern von Musk und Laschet resultiert, nicht gesehen wurde, finde ich erstaunlich. Ein memetisch erfolgreicher Wahlkampf erhöht die Sichtbarkeit des Kandidaten und hilft auch bei der Etablierung eines Images. Die zahlreichen Laschet-Memes der letzten Monate tragen jedoch eher dazu bei, dass sich das Image des Kandidaten als lächerliche Figur festigt.


2.

Die Covid-Fallzahlen steigen in vielen Ländern rasant an und der Frust und Kummer über die vermutlich hinfällig werdenden Pläne für den Herbst wächst parallel. Passend dazu enstand in der letzten Woche das “My Fall Plans / Delta Variant”-Meme, das sich ziemlich rasch verbreitete. Der initiale Post des Memes war vermutlich am 8. August, zumindest schreibt das die Website Know Your Meme. Ich habe in der gesamten letzten Woche Variationen des Memes gesehen. Der Erfolg des Memes erklärt sich neben der Ventilfunktion für den Covid-Frust durch seine Mischung aus Möglichkeit für Insider-Humor oder Spezialwissen und breiter Anschlussfähigkeit auch für Unternehmen. Auch Prominente konnten auf das Meme aufspringen und mit Screenshots von sich selbst aus verschiedenen Filmen besonders erfolgreiche Tweets produzieren.


3.

Der nahtlose Übergang von Memes zu Weltuntergang findet nicht nur in eurer Timeline sondern auch in diesem Newsletter statt. Zu der Frequentierung sozialer Netzwerke gehört auch das Doomscrolling (= anhaltendes Scrollen durch immer neue verstörende, negative oder dystopische Informationsfetzen), das sich vermutlich im Kontext der Klimakatastrophe immer weiter verstärken wird und vielleicht zu einer politischen Lähmung führt. Mit zunehmender Anzahl von katastrophalen Naturereignissen, wie sie im Zeichen der Klimakatastrophe immer häufiger stattfinden werden, häuft sich auch deren Abbildung in den sozialen Medien durch Handyaufnahmen betroffener Individuen. In den letzten Wochen gab es sehr viele erschreckende Aufnahmen verschiedener Fluten, Dürren und Waldbrände.

Die permanente Wiederholung von immer neuen Variationen solcher Aufnahmen und die Unwirklichkeit des Gesehenen und die Ähnlichkeit der Bilder zu Szenen aus Katastrophenfilmen haben sicherlich psychische Auswirkungen auf die Betrachtenden. (Ich habe mit Blick auf die Bilder kalifornischer Waldbrände bereits im letzten Jahr einen längeren Beitrag über das Changieren in der Wahrnehmung von Katastrophenaufnahmen geschrieben). Ich frage mich, ob die diffuse Realitätsangst, die aus der Masse an Katastrophenbildern, die immer in den größeren Kontext des uns Bevorstehenden eingeordnet werden, zu einer Zukunfstangst und einem existentiellen Fatalismus führen, die auch wenn sie realistisch begründet sein mögen, doch das politische Handeln in der Gegenwart behindern.

Vor einer Woche hat der Account @SandraausHGW die Frage gestellt, ob man Angst vor der Zukunft habe und die über 450 Antworten sind recht interessant, denn das Thema scheint aktuell sehr dringlich zu sein. Ich frage mich, wie eine der bedrohlichen Situation mit dringendem Handlungsbedarf gerecht werdende Kommunikation in den sozialen Medien aussehen kann, die gleichzeitig den kollektiven Handlungsappell, der immer auch politisch sein muss, vor lauter Schaudern und Untergangsstimmung nicht aus den Augen verliert.


4.

Die Designerin Lynn Fisher hat die Website Nestflix gebaute, eine Art Netflix für fiktive Filme und Serien, die in Filmen und Serien aufgegriffen werden. Es macht Spaß durch Nestflix zu klicken und es ist interessanter als die Suche nach irgendetwas Anschaubarem im echten Netflix. Nun hoffe ich auf ein Amazon für fiktive Bücher, die eine Rolle in Romanen spielen.


5.

Der Account @SpaceLiminalBot teilt Bilder von liminalen Orten, das heißt von Räumen, die sich durch ihre Schwellenhaftigkeit auszeichnen. Die liminale Phase ist in Arnold van Genneps Ritualtheorie eine Phase, in der das Individuum sich aus vorherigen Bezügen gelöst hat, aber in neuen Bezügen noch nicht wieder fest initiiert ist. Eine Schwellenphase, die sich durch Chaos, Regellosigkeit und ein Gefühl von Dazwischen auszeichnet. Der Begriff wurde später von dem Theaterwissenschaftler Victor Truner übernommen und weiterentwickelt und ist mittlerweile auch ein Begriff in der ästhetischen Theorie, um beispielsweise die Unheimlichkeit von Räumen zu beschreiben. Beim @SpaceLiminalBot dürfte die Liminalität daran geknüpft sein, dass normalerweise von Menschen frequentierte Räume plötzlich menschenleer sind und dadurch eine sonderbare Übergangsstimmung entsteht.


In der letzten Woche gab es interessante Tweets zum Thema Blattgold-Currywürste und zu Roboter-Wettbewerben in der Sowjetunion. Wer in Zukunft am Berliner Flughafen ein wenig Zeit absitzen muss, kann nach Fossilien im Fußboden suchen – in diesem Tweet finden sich einige Beispiele.

Bei @Magdarine gibt es ein schönes Spiel: Welche fünf Bücher aus dem Regal in der Ferienwohnung würdet ihr lesen? Mit diesem Eisherstellungsvideo wünsche ich euch eine schönen Spätsommersonntag (oh nein, es ist schon soweit) und eine sonnige kommende Woche. 

Danke für all die lieben Nachrichten zum Ende der Newsletter-Sommerpause, ich habe mich wirklich gefreut! Wenn euch dieser Newsletter gefällt oder ihr Menschen kennt, die sich ebenfalls über eine sonntägliche eMail freuen würden, dann bin ich euch wie immer sehr für Weiterempfehlungen dankbar. Für den Rest der Woche findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram.