Über Sehnsucht nach virtuellen Landschaften, badende Hunde und Hieronymus Bosch

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Der Astra Zeneca Impfstoff wurde für einige Tage ausgesetzt und überall wurde darüber diskutiert. Vielleicht war die Resonanz so groß, weil diese kurze Zwangspause am Anfang der dritten Welle einen demotivierenden Effekt auf manche hatte. Auf Island ist am Freitagabend ein Vulkan ausgebrochen und jemand hat AI generierte Porträts nicht-existierender Menschen durch die Wombo-App gejagt und so mehrere AI-Layer kombiniert. Ich bin in dieser Woche ein wenig erkältet gewesen und hing länger an dem Tomato Town Meme fest, über das ich deswegen etwas ausführlicher schreiben werde.


1.

Es gibt zahlreiche Youtube-Videos, in denen beliebte Computerspiele zur Melodie populärer Songs besungen werden. Der Production Value dieser Clips unterscheidet sich teilweise deutlich, von sehr professionellen Youtubern bis zu Teenagern oder Kindern, die kreativ werden. Von Minecraft über Roblox bis Fortnite werden unterschiedliche Spiele besungen. Immer wieder werden solche Videos viral geteilt und dabei überlagern sich (wie so oft) echte Wertschätzung und ironischer Spott. In der letzten Woche ist plötzlich ein Fortnite-Parodie-Song des Users “Leviathan” mit dem Titel “Chug Jug Song” wieder aufgetaucht, der eigentlich schon im Dezember 2018 online gestellt wurde und in dem zur Melodie von Estelles “American Boy” das Videospiel Fortnite mit ziemlich gut geschriebenen Lyrics besungen wird. Besonders zwei Zeilen vom Anfang des Liedes “10 kills on the board right now – just wiped out tomato town” fanden sich unzähligen Memes wieder. Immer wieder wurde auf das Massaker in Tomato Town angespielt und es wurde sogar eine Change-Petition gestartet, mit dem Ziel das Massaker in Tomato Town zu stoppen.

Der Meme-Song findet sich mittlerweile in sovielen Youtube-Videos, dass man kaum den Überblick behalten kann: Chug Jug + Eminem, WandaVision + Chug Jug, es gibt einen Chug Jug Remix Movietrailer und eine America’s Got Talent Version. Die zahlreichen Videos kommen kombiniert auf viele Millionen Clicks. Interessant ist, dass der Song initial vermutlich ironisch geteilt wurde, aber doch so catchy ist, dass sich unter den Videos immer mehr enthusiastische Kommentare finden.

Referenzen auf das Tomato Town Meme findet sich mittlerweile auch in zahlreichen Youtube-Kommentaren unter dem Originalvideo des Songs von Estelle: “You're laughing. 10 people were mercilessly downed in Tomato Town, and you're laughing.” oder “Every new sentence makes me think she's gonna sing the lyrics of Chug Jug with You.”

Unter einem Video des Chug Jug Songs mit Lyrics hat ein Youtube-User eine ironisch gemeinte Kritik geschrieben: 

“This song is fucking deep. Only some people understand the true meaning. The phrase "We can be pro Fortnite gamers" is a serious critique on the world ruleing capitalism. "I really love the Chug-Chug with you" refers to his love life. He broke up with his girlfriend probably, and now he is in deep depression, and from the line "hey broski, you got some heals and a shield pot" I conclude that he attemted suicide, but his friend saved him. This is true art. I would love to see more truly fantastic and deep meaning music like this.”

Bei allem Humor verweist diese Kritik vielleicht trotzdem darauf, dass Meme-Songs wie der Chug Jug Song auch bestimmte kulturelle Bedürfnisse erfüllen, die durchaus zu analysieren wären. Der User Leviathan hat im März 2019 übrigens noch ein weiteres Parodie-Video produziert, in dem der Country Klassiker “Take Me Home, Country Roads” von John Denver mit einem extrem nostalgischen und superwitzig schief gesungenen Text versehen wurde, der über den Verlust einer virtuellen Fortnite-Landschaft trauert, die bei einem Spielupdate verändert wurde. Erinnerungsorte sind eben mittlerweile auch online zu finden und die Sehnsucht nach den virtuellen Landschaften der Kindheit ist eine gute Basis für Parodie.


2.

Manchmal machen mich beobachtete Interaktionen auf Twitter glücklich, was ganz schön ist, weil ich die angespannte Atmosphäre oft auch ziemlich anstrengend finde. Ein Video des sehr populären Accounts @WeRateDogs von einem chillenden Hund, der im Regen in einem Swimmingpool sitzt, wurde direkt von @SWatercolour mit einem Bild beantwortet und alles daran ist gut.


3.

Wie kann man sich aus einem Videochat herausschummeln? Indem man eine fehlerhafte Verbindung, Störgeräusche oder anderes vortäuscht. Die Seite Zoomescaper macht genau das möglich: von Hundegeräuschen bis zu Baulärm, bietet die Seite viele Möglichkeiten soviel Störung zu verursachen, dass alle froh sind, wenn man den Chat verlässt. In diesem Video probiert ein Mann die verschiedenen Effekte aus.


4.

Ich habe die vage und noch nicht komplett zu Ende gedachte Vermutung, dass sich die Wahrnehmung von Gemälden durch die sozialen Medien verändert hat und ein neuer Modus der Auseinandersetzung entstanden ist, der darauf basiert, stark in Bilder hineinzuzoomen und dann einen Screenshot eines Ausschnittes zu teilen. Im initialen Tweet wird beispielsweise ein Gemälde oder eine Fotografie geposted und in den Replies werden dann Ausschnitte aus dem Bild geteilt. In Konsequenz beginnt man verstärkt auf kleine Details oder Vorgänge im Hintergrund zu achten, die sich für solche Screenshots eignen (hier am Beispiel eines Ziegenbocks). 

Verwandt mit dieser Art der Auseinandersetzung mit Bildern ist das beliebte “Tag Yourself” bei dem ein Bild mit der Aufforderung geteilt wird, sich einem Bildausschnitt oder einer Figur im Bild zuzuordnen. Gemälde mit extrem vielen Details eignen sich besonders gut für diese Form von Auseinandersetzung und es ist kein Wunder, dass immer wieder der Renaissance-Künstler Hieronymus Bosch genannt wird, wenn es um Gemälde geht, die besonders gut für ein “Tag Yourself” geeignet sind.

Das Triptychon “Der Garten der Lüste” von Hieronymus Bosch entstand um 1500 und zeigt in den beiden Innenflügeln den Garten Eden und die Hölle, in der Mitte befindet sich der Garten der Lüste. Der @BoschBot, den ich als Twitteraccount der Woche hiermit empfehle, teilt regelmäßig Detailausschnitte aus diesem Triptychon, das im Original 3,90 x 2,20 Meter groß ist.


Sehr viele Menschen haben in der letzten Woche einen Clip von James McAvoy beim Kuchenbacken angeschaut und ich träume seitdem von einem Schneeleopardenkuchen mit sehr viel Rum. Die ironische Verschwörungstheorie, dass Finnland nicht existieren würde, wurde wieder hervorgeholt, als Finnland erneut zum glücklichsten Land der Erde erklärt wurde.

Der gute Instagram-Account @katzetischwand hält ziemlich genau, was der Name verspricht und teilt regelmäßig Bilder von Katze, Tisch und Wand. In diesem sehr guten TikTok-Video wird gezeigt welche Gerichte hypothetischen Gefangenen auf Basis ihrer Lieblingsautor*innen vorgesetzt werden. Zum Abschluss hier noch ein langer Thread einer Kuratorin in dem es um in der Sammlung gefundene Artefakte geht, die eigentlich einem anderen Museum gehören. Es ist spannend, versprochen!

Dies war jetzt bereits der 23. Newsletter, seitdem ich im letzten Jahr mit diesem Projekt angefangen habe. Ich freue mich weiterhin immer wieder sehr darüber, auf wieviel Resonanz der Sonntagsnewsletter stößt. Bald haben ihn 1000 Menschen abonniert – Aufregend!

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