Magisches Denken in Zeiten des Internets
“Alles, was die Wissenschaftler in Nachahmung der Natur oder, um ihr zu helfen, mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt. Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.“ schrieb der italienische Philosoph Tommaso Campanella und der britische Physiker und Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke formulierte: “Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden."
Zitate dieser Art kann man ziemlich viele finden und vermutlich ist die Hälfte nicht richtig attribuiert, aber es ist in diesem Fall auch völlig egal ob Campanella oder Clarke oder sonstwer es besonders schön in Worte gefasst hat, denn interessant ist besonder, wann diese Zitate angeführt werden: Immer dann, wenn auf die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Magie, Wissenschaft und Religion verwiesen werden soll. Die Abgrenzung dieser drei Bereiche ist nämlich alles andere als fixiert. Sie ist stark kontextgebunden und verändert sich durch Raum und Zeit.
Wie passt nun die Rückwärtsgewandheit magischen Denkens, die als archaische Praxis eine starke Verbindung in die weite Vergangenheit behauptet mit dem Fortschrittsoptimismus technologischer Entwicklung zusammen? Auf den ersten Blick würde man vermuten, dass den beiden Bereichen zwei völlig unterschiedliche Zeitparadigmen zu Grunde liegen, sie sich sogar widersprechen.
Es ist jedoch auffällig, dass in den letzten Jahren Magie als vor allem ästhetische Praxis in den sozialen Medien einen Riesenaufschwung erfahren hat. Auf die allumfassende Digitalisierung unseres Alltags reagiert eine große Anzahl an Menschen mit einer Rückwendung zu vordigitalen Ästhetiken, die jedoch – und das ist ganz entscheidend – in den sozialen Medien zelebtriert werden: TradWifes, Dark Academia, Cottagcore, Witchkraft, Magie und viele andere Phänomene gehören zu diesen Trends, die auf paradoxe Art und Weise mit den Mitteln moderner Technologie eine archaische Ästhetik heraufbeschwören.
Ich habe in diesem Newsletter schon 2021 über dieses Phänomen geschrieben, als die Hexencommunity in den sozialen Medien mit Zaubersprüchen und Ritualen auf den Krieg in Ukraine reagierte: “Magie ist in den sozialen Medien auch eine ästhetische Praxis: Die Hexen auf Instagram investieren besonders viel Mühe, um ihre Hexenaltare visuell ansprechend zu inszenieren, während die Hexen auf TikTok ihre Magie vor allem performativ inszenieren, in abgefilmter Interaktion mit dem eigenen Hexenaltar, durch die entsprechende Präsentation mit der Selfie-Kamera oder durch ausgiebig inszenierte Gruppenrituale.”
Um die vielen Hexencommunities in den sozialen Medien hat sich mittlerweile eine komplette Industrie aufgebaut, in der Zaubersprüche gekauft werden können, Zubehör für Hexenaltäre oder magische Rituale produziert oder einfach nur eine witchy Ästhetik für den nächsten Booktok-Bestseller heraufbeschworen wird.
Weil die sozialen Medien aber auch Räume bilden, in denen viel mit Ironie und mehrfachen Bedeutungslayern gearbeitet wird, ist die Verwendung von Magie, von Hexenritualen und Zaubersprüchen immer auch Teil von Internethumor. Dazu gehört beispielsweise, dass das feministische Magazin Jezebel vor einigen Tagen spöttisch eine Etsy-Hexe damit beauftragte den rechten Influencer Charlie Kirk zu verfluchen.
Als der rechte Aktivist Chralie Kirk am 10. September in Utah jedoch zunächst angeschossen und später für tot erklärt wurde, verbreitete sich der Jezebel-Post nun innerhalb eines völlig neuen Kontextes rasant. Die Redaktion von Jezebel fügte zwar noch einen Disclaimer ein, aber in den sozialen Medien ließ sich der makabre Internettrend nicht mehr stoppen.
Neben den vielen politischen und sozialen Auswirkungen, die das brutale Attentat auf den rechten Influencer haben wird, führt es vermutlich nun auch zu einer neuen Diskussion um die Hexerei und das Internet. Die Verfluchung von Charlie Kirk durch eine Etsy-Hexe wird sicherlich an vielen Orten eine neue Moralpanik auslösen, rhetorisch von christlichen Fundamentalisten instrumentalisiert werden und an anderen Stellen die Präsenz von Hexenritualen in den sozialen Medien noch verschärfen.
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