Über sprechende Landkarten, Graf Zahl und Nervosität

Am zweiten November wurde ein Video auf Twitter mehrere Millionen mal angeschaut, in dem ein Straßenmusiker mit Mundschutz auf einem Platz in Barcelona mit seinem Synthesizer “Eternal Flames” von den Bangles spielt, während im Hintergrund eine Straßenschlacht tobt, Steine geworfen werden und Polizeifahrzeuge mit Sirene umherfahren. Vielleicht ist die Metaphorik dieses Videos ein guter Einstieg für eine Woche gewesen, in der sich die Ereignisse überschlagen haben. Kurz nachdem in Wien, Kabul und Gawa Qanqa gräßliche Terroranschläge mit vielen Opfern verübt wurden, fand in den USA die Präsidentenwahl statt, die mit ihrem lange nicht feststehenden Ergebnis die Spannung über den Wochenverlauf aufrecht erhielt. 

Wie der zwischen Sirenen immer weiterspielende Straßenmusiker in Barcelona, hörten auch die Menschen in den sozialen Medien nicht auf und begegneten dem weltpolitischen Chaos mit einer Mischung aus Trauer, Wut und Humor. Einige dieser Reaktionen habe ich für diesen Newsletter gesammelt und will versuchen, sie gedanklich ein wenig einzuordnen.


1.

Die Wahl als Nachrichtenevent wird in Zeiten der sozialen Medien nicht mehr nur passiv konsumiert, sondern zu einem Prosumer-Großereignis. Der Begriff “Prosumer” wurde bereits 1980 von Alvin Toffler als Kofferwort aus “Producer” und “Consumer” gebildet und beschreibt die aktive Mitarbeit von Kund*innen an ihrem Produkt, beispielsweise beim Zusammenschrauben von Möbeln oder beim Abräumen in Fast Food Ketten. Aufgrund der interaktiven Erzeugung von Inhalten im Web 2.0 geriet das Konzept des Prosumenten in den frühen Jahren des neuen Jahrtausends wieder auf die Agenda. 2020 überrascht dieses mittlerweile diskursiv fest etablierte Konzept niemanden mehr, aber besonders bei politischen Ereignissen wird die Prosumer-Dimension der sozialen Medien ziemlich augenfällig. Die Wahl wird nicht bloß verfolgt und es wird nicht nur passiv mitgefiebert, sondern kreativ verarbeitet und mit Memes begleitet, auf TikTok genauso wie auf Instagram, Twitter, in Fanfiction und im Self-Publishing


2.

Ein TikTok-Trend dieses Jahres sind #IamLost Videos, bei denen ein Snapchatfilter, der nur die Augen und den Mund einer Person sichtbar macht, über ein statisches Foto eines verlorenen Alltagsgegenstandes gelegt wird. Der Mund auf dem verlorenen Gegenstand, beispielsweise Schuhe oder eine Brotdose, lipsynced dann den Text zum Liedanfang von “I am lost” von The Irrepressibles.

Der Account @lonelyobjects zeigt in seinen Videos, wie über statische Bilder gelegte Augen/Mund-Filter die Gegenstände quasi sprechen lassen können. Beliebt ist für diese Videos auch die Hinzunahme einer dritten Ebene, mit einem der auf TikTok beliebten Sound-Overlays, bei dem die Lippen nur synchron zu Musik oder zu memifizierten Satzschnippseln bewegt werden. 

Im Kontext der US-Wahl wird der Augen/Mund-Filter auf TikTok eingesetzt, um die Bundesstaaten auf der Wahlkarte miteinander ins Gespräch kommen zu lassen und sie untereinander den Wahlverlauf kommentieren zu lassen. Auf Twitter hat @wienervig in einem Thread einige Beispiele dafür gesammelt. 


3.

Es wurde viel gezählt in dieser Woche, während alle nervenzerfasert auf die Ergebnisse warten. Und wer zählt noch? Natürlich Graf Zahl, der auf Englisch Count Count heißt. Kein Wunder, dass man ihm in den letzten Tagen auf Twitter kaum entkommen konnte. 


4. 

Eine spezielle Ausprägung von auf Twitter entstehendem Humor hat mit der Internationalität des Netzwerkes zu tun, durch die binnen kürzester Zeit verschiedene Accounts den Eindruck eines globalen Stimmungsbildes abgeben können. Nachdem Joe Biden seine Anhängerschaft auf Twitter aufgefordert hatte nicht aufzugeben, kommentierte darunter ein aufgebrachter Trump-Anhänger, dass er die USA in Richtung Mexiko verlassen würde. Daraufhin kommentierte ein Account aus Mexiko, dass Kanada empfehlenswerter wäre, ein kanadischer Account antwortete, dass Europa ein besseres Ziel sei und von dort bewegte sich die Replyschleife durch verschiedene Länder und Kontinente. Screenshots dieses Gesprächsverlaufs wurde daraufhin viel geteilt.

Die US-Wahl wurde global in den sozialen Medien rezipiert und einige der Reaktionen gewannen ihren Humor dezidiert aus ihrer internationalen Perspektive. Dazu gehört auch ein weit verbreiteter Thread eines kenianischen Autoren (@gathara), der die US-Wahl im Gestus internationaler Berichterstattung über afrikanische Wahlen kommentierte:

#BREAKING Polls are set to open in 48 hours across the US as the authoritarian regime of Donald Trump attempts to consolidate its hold over the troubled, oil-rich, nuclear-armed, north American nation. Analysts are sceptical the election will end months of political violence. (Initialer Tweets des Threads von @gathara)

International waren dann auch die vielen verschiedenen Fotos und Videos, die nach dem verkündeten Wahlsieg Bidens geteilt wurden, beispielsweise hier.


5. 

Das Video der Televangelistin Paula White, die leidenschaftlich für einen Wahlsieg von Donald Trump betet und schließlich auch noch in Zungen spricht (mehr Infos zur Glossolalie hier), wird am 5. November auf Twitter geteilt und schnell zur Quelle eines viralen Memes. Die rhythmischen Handbewegungen der Predigerinnen und das abgehackte Sprechen bieten sich sehr dafür dafür an, das Video mit verschiedenster Musik zu unterlegen. Diese humorvollen Bearbeitungen des Videos erfüllen so neben einem reinen Unterhaltungswert auch die Funktion, dass man die absurde Inszenierung in den sozialen Medien teilen kann, ohne unkommentiert rechts-evangelikale Propaganda zu reproduzieren. 

Die Veränderung der Soundspur von Videoaufnahmen extrem agierender Trump-Anhänger*innen  bleibt nicht auf die Aufnahme von Paula White reduziert, sondern wird in verschiedenen Videos angewendet, unter anderem bei dem Video des Mannes mit eine,m “BBQ, Beer, Freedom”-T-Shirt, der eine Pressekonferenz mit seinem Gebrüll unterbrach. Die Musikspur verdeutlicht den Selbstinszenierungscharakter der Aufnahmen, indem sie sich den dramatischen und bedeutungsschweren Emotionen verweigert und trägt so auch dazu bei, dass diese Clips ins Lächerliche gezogen werden. Die Selbstinszenierung der Menschen als Klischee ihrer selbst ist ansonsten kaum zu ertragen. (Till Rather mit sehr interessant Überlegungen dazu in diesem Thread)

Etwas anders gelagert ist die schon lange zum Meme gewordene Veränderung der Untertitel in Szenen aus dem Film “Der Untergang”, die auch passend zur US-Wahl wieder durchgeführt wurde und weite Verbreitung fand.


6.

Die New York Times hat am 30. Oktober eine spezielle Seite veröffentlicht, die zur Hilfe gegen Wahlstress und Nervosität gedacht war. Nacheinander erscheinen Bilder, kurze Animationen und Clips, die auf verschiedene Arten ablenkend oder entspannend sein sollen. Selbstfürsorge (Selfcare) ist ein Trend am Wahltag und in den Tagen nach der Wahl. Auf Twitter häufen sich Tweets, in denen Menschen über Nervosität und Angst sprechen oder Anti-Stress-Rituale teilen.


7.

2020 ist ein Jahr für Transformationscontent, vielleicht weil sich die Meisten wünschen, dass die Realität nur aus Kuchen bestünde.

“There's this notion that the world has been so irrevocably shaken up, twisted, and busted that in this logic-adjacent reality we're living in, you might just be able to cut open random, real objects and find a cake inside.”

(Justin Kirkland im Esquire über das Cake-Meme)

Auf Instagram und Youtube verwandelt sich die chinesische MakeUp-Künstlerin und Weibo-Superstar Yuya Mika immer wieder in andere Prominente, in berühmte Personen aus Gemälden der Kunstgeschichte. Ihre Transformation in Johnny Depp wurde in dieser Woche auf Twitter viel geteilt.


8.

Am Samstag wurde der Wahlsieg von Joe Biden auf CNN verkündigt und die freudigen Reaktionen auf den Straßen aber auch in den sozialen Medien würden genug Stoff für einen langen eigenen Newsletter bieten. Neben den vielen berührenden oder lustigen Freudevideos fand ich besonders die Tweets interessant, in denen auf beliebte Memes aus der Amtszeit von Trump Bezug genommen wurde, beispielsweise das mittlerweile zum Klassiker gewordene Foto von Trump in Interaktion mit einem rasenmähenden Jungen.

Es gab außerdem zahlreiche Copypasta-Memes, dazu gehört beispielsweise ein lustiger Tweet von Greta Thunberg, bei dem sie Trump beinahe wortwörtlich zitiert und der folgende Satz, der immer und immer wieder unter Tweets gepostet wurde:

“I love seeing Trump supporters CRY, it's my daily medicine, my weekly energy, my monthly inspiration and my yearly motivation. Their loss is the only reason i'm still alive, i was born to love and enjoy the failure that they have achieved.”


9. 

Der empfehlenswerte Twitteraccount in dieser Ausgabe des Newsletters ist @frauasha, die als Anwältin unglaublich wichtige Arbeit leistet und mit einer Mischung aus Wut, Engagement und Hoffnung eine Bereicherung für jede Timeline ist. 


Nachdem diese Woche eigentlich Material für eine ganze Reihe Newsletter und diverse Artikel geliefert hätte, verspreche ich hiermit trotzdem, dass ich in der nächsten Woche wieder etwas mehr Abstand von politischen Memes nehmen werde.

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