Über Schneefiguren, Häkelpuppen und Katzenfilter

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Aktuell handelt es sich dabei um mein Vorhaben eine Art “Internet Grimoire” zu schreiben. Es geht um die Frage, wie sich magisches Denken mit dem virtuellen Raum verbindet, wie ein oberflächlich archaisches System wie die Zauberkunst sich neue Technologien zu Nutze macht: Emoji-Zaubersprüche, Twitter-Flüche, evil Captchas usw.


In der letzten Woche habe ich einen sehr lustigen Thread gesehen, in dem Schlagzeilen gesammelt wurden, die noch vor der Pandemie viele Fragen aufgeworfen hätten. Beim Lesen habe ich gedacht, dass es erstaunlich ist, wie schnell sich ganz elementare Dinge in einer Gesellschaft ändern können. Das macht mir Hoffnung angesichts der riesigen Herausforderungen, denen wir in so vielen Bereichen ausgesetzt sind.


1.

Auf der Nordhalbkugel ist Winter, in Europa hat es in einigen Regionen stark geschneit – es ist also die Saison der Schneefiguren-Memes in den sozialen Medien. In diesem Jahr auch wieder mit verschiedenen Varianten, des “Schneefiguren halten auch Abstand und tragen Masken”-Witzes. Einige dieser Bilder entstanden bereits während der ersten Welle im Frühjahr 2020, zirkulieren aber gerade erneut. Social Distancing, Videochats und Masken werden retrospektiv vermutlich die essentiellen Elemente der Pandemie-Ikonographie sein.


2.

Es ist eine gute Zeit für Meme-Musik, die vielleicht auch ein kreativer Ausweg aus pandemisch induzierter Frustration ist. Nach den Shanties, den verschiedenen TikTok-Musicals und der Umsetzung von Facebook-Konflikten in Gesang, die ich alle bereits in vergangenen Newslettern aufgegriffen habe, stieß ich in dieser Woche auf einen TikTok-Account, mit musikalischen Umsetzungen von Tinder-Chats. Es gab außerdem Clips mit einem Mansplaining-Shanty und einem unglaublichen Cardi B Cover, die sehr weit verbreitet wurden. Bis jetzt habe ich, abgesehen von dem Wellerman-Trend, noch nicht sehr viele ausführliche Rezensionen von Meme-Musik gesehen, aber das wird sicherlich noch kommen. 


3.

In einer via Zoom stattfindenden Anhörung hatte ein Teilnehmer versehentlich noch einen Katzenfilter eingeschaltet und schaffte es nicht ihn abzustellen. Ein Video davon wurde auf Twitter geteilt und ging prompt viral. Der Katzenanwalt im Video äußerte schließlich verzweifelt “I’m here live, I’m not a cat!” – schon dieser Satz ist eine perfekte Memevorlage.

Twitter liebt das Spiel mit mittelalterlichen Illustrationen und Marginalien und die Anwaltskatzen haben einen eigenen Tweet dazu bekommen:


4.

Vielleicht sehenen sich Menschen aktuell nach dem Gefühl vor einer Clubtür auf Einlass zu warten? Anders kann ich mir nicht erklären, dass wie eine Art Geist aus der Vergangenheit in dieser Woche wieder eine sehr exklusive Website mit Warteliste in meinem Feed auftauchte. Diese sehr wichtige und exklusive Website lässt nur einen einzigen Besucher zur Zeit zu. Für die Zeit in der Warteschlange gibt es auch Wartemusik. (Ich weiß leider nicht, was sich auf der Website verbirgt, weil ich extrem ungeduldig bin und vor mir immer über 100 Menschen in der Warteschlange waren. Vielleicht wird man auch immer wieder hochgestuft und es gibt gar kein zu erreichendes Ziel?) Erinnert sich noch jemand an The World’s Most Exclusive Website oder an die Most Exclusive Website? Das Spiel mit Websites, die nur eine Person zur Zeit hineinlassen oder künstliche Zugangsbarrieren aufbauen, gibt es schon länger.

Unsinnige Seiten, wie diese “exklusiven” Websites, die dennoch extrem viel geklickt wurden und werden, fühlen sich für mich sehr nach frühem Internet an, aber ein wenig Nostalgie schadet nicht. Für weitere Nostalgietrips zu einst viel geclickten Websites empfehle ich euch diese Seite, auf der man eine Toilettenpapierrolle drehen kann (Pandemierelevanz!) und diese Seite mit einem Vorgarten, dessen Gras man seit 2005 beim Wachsen betrachten kann.


5.

Daniel Kehlmann hat das Silicon Valley besucht und dann eine Zukunftsrede in Stuttgart über künstliche Intelligenz gehalten. Daraufhin durfte er sich in den Tagesthemen nicht nur zu Algorithmen (“Der Algorithmus weiß nie mehr als das, was wir wissen”) sondern auch zu Corona äußern (“Ein bißchen mehr Vertrauen auf die Eigenverantwortung ist vielleicht nicht so schlecht.”). Mich hat die Stuttgarter Rede etwas ratlos zurückgelassen und auch auf Twitter gab es bereits gute kritische Anmerkungen. Vermutlich muss man die Rede eher als performative Reproduktion zeitgenössischer Erzählungen von künstlicher Intelligenz deuten und nicht den Anspruch haben, interessante Anmerkungen zur Technikphilosophie, zur Technologie und zu deren Implikationen für die Zukunft aus ihr zu ziehen. 

Um mit künstlicher Intelligenz zu spielen, braucht man jedoch gar keine Heldenreise ins verbotene Silikontal zu machen. Das geht auch ganz einfach Online, beispielsweise im AI Dungeon oder mit Talk to Transformer. Der mit Letzterem generierte Text ist vielleicht auch eine ganz gute Zukunftsrede:

Interessante ästhetische Experimente aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz gab es übrigens in den letzten Wochen auch, beispielsweise diese mit AI generierten Vogelbilder oder diese interessanten mit GPT-3 generierten Beschriftungen für Candy Hearts. Hier ist auch ein spannendes Projekt, das AI mit Storytelling und Roleplaying für Kinder vermischen will: “At Hidden Door, we’re building a social narrative gaming platform. You could think of it as Roblox meets D&D, or multiplayer fan fiction.” (Ich habe übrigens für die Bremer Netzresidenz ein AI Lyrikprojekt umgesetzt.)


6.

Statt eines Twitter-Accounts habe ich in dieser Woche einen empfehlenswerten Hashtag: Die Museen sind vielerorts geschlossen, aber bereits im letzten Frühjahr hat das Yorkshire Museum den Hashtag #CuratorBattle gestartet, an dem sich immer wieder sehr viele Museen beteiligen. Das Museum gibt ein Thema vor, von #SpookiestObject zu Halloween bis #SauciestObjekt zum Valentinstag war bereits einiges dabei. Daraufhin zeigen Museen zum Thema passende Gegenstände aus ihren Sammlungen, die von amüsant bis wirklich erschreckend reichen können.


Zum Abschluss empfehle ich euch diesen Thread, in dem jemand Bilder von einem am Wegesrand gefunden Schatz gezeigt werden (Hint: Es geht um Kostüme). Über diesen wirklich supergruseligen Tweet von einem Mann, dessen Frau es schafft mit ihrer Häkelnadel Horrorbabies zu produzieren, habe ich sehr gelacht. Und weil ich am Ende des Newsletters der der letzten Woche über aktuelles Bookmarketing sprach, gibt es hier noch ein Hinweis auf eine weitere Variante Bücher in Zeiten von Social Media zu verkaufen. Mit diesem Song gewordenen Sonntagmorgenvibe verabschiede ich mich und wünsche einen guten Start in die Woche!

Herzlichen Dank für all die Hinweise und Rückmeldungen der letzten Woche – ich freue mich darüber wirklich sehr. Wie immer gilt: Wenn der Newsletter im Spamfilter hängen geblieben ist, dann müsst ihr den Absender zu eurem Adressbuch hinzufügen. Wenn euch dieser Newsletter gefällt, freue ich mich wirklich sehr über Weiterempfehlungen. Mit diesem Link kann der Newsletter geteilt werden: Phoneurie. Ihr findet mich außerdem auf Twitter und auf Instagram. Habt eine gute Woche!

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