Über Gartenarbeit, Denkmäler und ein Strandcafé

Steigende Corona-Fallzahlen, Hoffnung auf einen Impfstoff und ein Präsident in den USA, der das Wahlergebnis verleugnet – das sind ungefähr die Themen, die sich in dieser Internetwoche in meiner Timeline immer wieder nach vorne drängten. Hinzu kommt in meinem Leben eine merkwürdige Gegensätzlichkeit des Alltags, die mit der Pandemie Einzug erhalten hat. Einerseits sind viele Dinge plötzlich zwangsweise heruntergefahren, andererseits ist die Grundspannung höher geworden. Nachdem ich letzte Woche sehr viele Fundstücke mit tagespolitischem Bezug aufgegriffen habe, wollte ich im Newsletter dieser Woche wieder eine vielfältigere Mischung machen, Donald Trump hat aber auch in dieser Runde wieder einen Auftritt.


1.

Die Pressekonferenz von Donald Trumps Wahlkampagne, die nicht – wie vermutlich intendiert – in einem eleganten Hotel stattfand, sondern auf dem Parkplatz eines Gartenbaubetriebs mit Namen Four Seasons Total Landscaping wird uns in Form unzähliger Memes wahrscheinlich noch sehr lange begleiten. Bereits 2018 hatte Trump in Reaktion auf Brände in Kalifornien erklärt, dass er bei einem Treffen mit dem finnischen Präsidenten gelernt habe, dass in Finnland der Waldboden zum Brandschutz mehr geharkt werden würde. “Make America Rake Again” wurde daraufhin in vielen verschiedenen Ausprägungen zu einem Meme, das sich nun perfekt an die Pressekonferenz bei Four Seasons Total Landscaping anknüpfen ließ. Das Unternehmen selbst begann Produkte mit den Slogans “MARA” und “Lawn & Order” zu verkaufen.  Es ist in diesem Kontext sicherlich auch kein Zufall, dass sich der Kandidat für den CDU-Vorsitz Norbert Röttgen am 13.11 mit einem Rechen im Garten ablichten ließ und das Foto auf Twitter teilte.


2.

In London wurde am Dienstag eine Statue zu Ehren der Philosophin und Feministin  Mary Wollstonecraft enthüllt. Die 143,000£ für die Arbeit von Maggi Hambling wurden über Spenden finanziert. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Denkmäler im öffentlichen (Londoner) Raum Männern gewidmet ist, verwundert es nicht, dass es am ehemaligen Wohn- und Arbeitsort von Wollstonecraft bis jetzt noch kein Denkmal gab.

Die konkrete Umsetzung des Denkmals sorgte jedoch für eine Kontroverse, da das Denkmal eine nackte Frauensilhouette zeigt, die aus silbernen Wellen aufsteigt. Auf Twitter wurde ein Video der Komikerin Susan Harrison, das eine Reaktion von Mary Wollstonecraft auf die Enthüllung ihres Denkmals zeigt, über 500.000 Mal angesehen.


3.

Virgin Hyperloop hat seine erste Testfahrt mit zwei Passagieren absolviert. Die Idee (nicht ganz neu) zum Hyperloop, einer Art Rohrpost für Menschen, die in einer Kapsel durch eine Unterdruckröhre sausen, kam von Elon Musk. Der hat jedoch mit der Umsetzung gar nicht direkt zu tun. In den sozialen Medien hatten viele Menschen große Freude daran, dem Unternehmen zur Erfindung eines schlechteren Hochgeschwindigkeitszuges zu gratulieren. Der Spott ist vielleicht nicht ganz gerechtfertigt, weil der Hyperloop zu einem späteren Zeitpunkt wohl erheblich höhere Geschwindigkeiten erreichen soll, spricht aber für einen großen Desillusionierungsprozess angesichts genialer Ideen aus dem Silicon Valley.

Zur Ideologie des Silicon Valley erscheint übrigens am Montag Adrian Daubs Buch Was das Valley denken nennt - Über die Ideologie der Techbranche bei Suhrkamp (auf Englisch ist es bereits im Oktober erschienen).


4.

Eine der positivsten Nachrichten der Woche war, dass die Firma BioNTech einen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt hat, der vielversprechende Resultate zeigt. Das Gründerehepaar der Biotechnologie-Firma wurde daraufhin in vielen Medien vorgestellt. Nezih Payzin wies auf Twitter daraufhin, wie Özlem Türeci und Uğur Şahin auf Google präsentiert wurden: er als “Vorstandsvorsitzender BioNTech” und sie als “Ehefrau von Uğur Şahin.” 

Google hat auf den Tweet reagiert und die Resultate der Suchmaschine sind mittlerweile verändert. Die Anekdote weist jedoch auf das tieferliegende Problem hin, dass Technologie die Diskriminierungsstrukturen unserer Gesellschaft reproduziert und verfestigt. Algorithmische Verzerrung (Algorithmic Bias), das heißt ein aus der Programmierung von Computersystemen entstehende Diskriminierung, ist ein Problem, welches dringend einer Regulierung bedarf. Eine detailliertere Auseinandersetzung mit diesem Thema am Beispiel von Suchmaschinen hat Safiya Umoja Noble bereits 2018 mit ihrem Buch Algorithms of Oppression: How Search Engines Reinforce Racism vorgelegt. Besonders im Zeitalter maschinellen Lernens, das auf großen Datensätzen aufbaut, ist es eine wichtige Aufgabe sicherzustellen, dass diese Daten keine Diskriminierungen reproduzieren.


5.

Am 9. November fragte @abcdrih auf Twitter: “what’s something that ISN’T racist but still FEELS racist to you?” Der Tweet ging rasch viral und inspirierte unzählige Folgetweets mit dem Satzmuster “What’s something that isn’t X but feels X.” Gefragt wurde nach vielen Themen, von Homophobie über Lyrik bis zum Internet selbst.

Eine Tendenz zahlreicher Varianten des Memes wurde in einem Mashable-Artikel zusammengefasst: “It's the doctrine of joint criminal enterprise, but with bigotry.” Oft ging es in den anfänglichen Versionen des Memes um Merkmale, Kennzeichen, Phänomene, die im Kontext verschiedener Diskriminierungsformen auftauchen.

Ich war gespannt, wie das Satzmuster ins Deutsche übersetzt werden würde und es hat nicht lange gedauert, bis ich Beispiele gefunden habe: “Was ist nicht X, fühlt sich aber so / wie X an.”


6.

Immer wieder findet sich auf Twitter ein interaktives Spiel mit folgendem Muster: Für einen Fav oder eine Antwort (Druko) erfolgt eine bestimmte Aktion. Die Bandbreite der Varianten ist groß: “Druko und ich ordne dir ein Stilmittel aus meinem Lieblingsbuch zu”, “druko und ich ordne euch eine der "140 lieblingsplatten aus den 90ern" zu”, “1 Fav = 1 Meinung über einen Büroartikel.”, “Fav = eine Meinung über ein Küchengerät. Lol

Manche der daraus entstehenden Threads sind so besonders, dass sie lange in Erinnerung bleiben. Einmal hat @FieserHahn einer unglaublichen Menge an Menschen einen Zeitschriftentitel aus dem 18. Jahrhundert zugeordnet. (“Favt diesen Tweet und ich sage euch, welche Zeitschrift des 18. Jahrhunderts ihr seid.”). Vor Kurzem hat @schnalena allen Kommentierenden eines der fantastisch gestalteten alten RoRoRo-Taschenbuchcover zugeordnet. (“Ich räume gerade Bücherregale um. Druko und ich ordne Dir ein altes rororo-Taschenbuchcover zu.”) Und als  @strandcafeduena allen Antwortenden ein persönliches Zimmer im Strandcafé herbeigeschrieben hat, sind wunderschöne literarische Miniaturen entstanden, die ich euch hiermit dringend zum Lesen empfehle. (“druko und ich beschreibe dir dein zimmer im strandcafé.”)


7.

Der empfehlenswerte Twitteraccount für diese Woche ist einer meiner Lieblingsbots (@NewYorkerEvaBot), der New Yorker Cartoon Bildunterschriften mit Screenshots aus der Anime-Serie “Neon Genesis Evangelion” kombiniert. 


Die ganze Woche über sammel ich Tweets, Memes und Themen für den Newsletter und ich merke, dass ich wahrscheinlich mehrere Newsletter pro Woche schreiben könnte – es geschieht und gibt so viel Spannendes in diesem Internet. Hoffentlich hat euch die Auswahl bei dieses Mal gefallen.

Wie immer gilt: Wenn der Newsletter im Spamfilter hängen geblieben ist, dann könnt ihr den Absender zu eurem Adressbuch hinzufügen. Wenn euch der Newsletter gefällt, freue ich mich über Weiterempfehlungen. Der Newsletter kann mit diesem Link geteilt werden: Phoneurie. Ihr findet mich außerdem auf Twitter und auf Instagram. Ich wünsche euch eine gute Woche!