Über Corgies, Deepfakes auf Telegram und meinen eigenen Wald

In der Deutschlandfunk Kultur Breitband-Sendung von diesem Samstag durfte ich über Memes sprechen. Dem Thema habe ich nicht bloß im letzten Newsletter Platz gewidmet, sondern werde auch dieses Mal wieder etwas darüber schreiben, immerhin kann man sich kaum in den sozialen Medien aufhalten ohne auf Memes zu stoßen. Es ist also beinahe eine Zwangsläufigkeit, dass sie auch im Newsletter auftauchen. 

In der Sendung ging es auch um Chancen und Risiken der Corona Warn-App, was ich besonders interessant fand, weil ich zufällig in dieser Woche das erste Mal einen Hinweis auf eine Risikobegegnung in meiner Corona-App hatte. Wahrscheinlich ist das für in Großstädten verkehrende Menschen ein langweiliges Ereignis, aber ich war tatsächlich überrascht. 


1.

“Insgesamt werden täglich 7 Stunden mit Medieninhalten verbracht, bei den unter 30-Jährigen ist es eine gute Stunde weniger. Nur knapp eine Stunde entfällt auf das Lesen von Texten, wobei sich die Lektüre von Artikeln und Berichten zunehmend ins Internet verlagert. Die meiste Zeit entfällt auf Videos sehen und Audios hören.”

Dieses Stelle findet sich in der Studie “ARD/ZDF-Massenkommunikation” aus dem Jahr 2019. Wir verbringen sehr viel unserer Zeit mit audio-visuellen Medien und eben diese Videos, Bilder und Soundaufnahmen sind mittlerweile stark von Deepfakes betroffen. Mit dem Begriff werden Täuschungen beschrieben, bei denen künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt. Beispielsweise in den  künstlich generierten Portraitaufnahmen auf der Seite “This Person does not exist.” 

Besonders über die potentiellen politischen Implikationen von Deepfakes wurde viel diskutiert, wie riskant wäre beispielsweise ein Deepfake-Video des amerikanischen Präsidenten für internationale Beziehungen und könnten geschickt platzierte Deepfakes so auch zu eine möglicherweise sehr gefährlichen Waffe werden. Die Debattenrichtung hat leider dadurch einen Bereich verstellt, in dem Deepfakes auch desaströse Konsequenzen haben: Gewalt gegen Frauen.

Dabei wurden Deepfakes von Anfang im pornographischen Kontext eingesetzt, um künstliche Videoaufnahmen prominenter Frauen zu produzieren. Auf Buzzfeed erschien in dieser Woche ein Artikel über einen Telegram-Bot, der aus eingeschickten Einzelaufnahmen überzeugende Nackbilder generiert – über 100.000 User haben ca. 680.000 Bilder generieren lassen. 

“The app and the ease of accessibility speak to larger themes of online harassment and abuse women face online.”


2.

Manchmal finde ich es angenehm während meiner Arbeit die sozialen Medien zu blocken, sodass ich mich nicht ablenken kann. Es hat natürlich etwas von dem abgesperrten Süßigkeitenschrank aus der Kindheit und wahrscheinlich haben andere eine bessere Impulskontrolle, aber für mich funktioniert das hin und wieder ganz gut. Ich benutze dafür die Forest-App, man pflanzt einen virtuellen Baum und wenn man doch auf die geblockten Websites klickt, dann stirbt er. So kann man mit der Zeit einen schönen kleinen Wald aus unterschiedlichen Bäumen pflanzen. Benutzt ihr Apps oder Browser-AddOns, die euch aus dem Internet oder von bestimmten Websites aussperren?


3.

Es gibt schon seit langem ein eigenes Meme, das sich in vielen verschiedenen Varianten dem Lebenskreislauf von Memes widmet und dabei eine Hierarchie verschiedener Online-Formate aufstellt. Ein Meme bewegt sich von Messageboards wie 4Chan oder Reddit, in denen oft neue Memes entstehen, durch die verschiedenen sozialen Medien, bis es auf Facebook (oder in WhatsApp) endet. Tatsächlich gibt es einen Meme-Konjunkturverlauf, vom initialen Post zum Massenphänomen zur ironischen Anwendung. Bildliche Analogien dieses Verlaufes mit Aktienkursen sind mittlerweile selbst zum Meme (“Meme Economy Chart”) geworden.

Was in all diesen Verlaufcharts jedoch nicht abgebildet wird, ist der Zeitpunkt, an dem Memes so beliebt sind, dass sie in der Realität auftauchen. Jedes Jahr zu Halloween bin ich fasziniert, wenn Memes als Kostüme verwendet werden. Ein gutes Beispiel für ein Meme, das so sehr Mainstream ist, dass es als Bildreferenz auch in der Offline-Welt funktioniert, ist das “This is fine”-Meme. Ein Auszug aus dem Webcomic Gunshow, der 2013 geposted wurde und seitem als Reaktionsbild omnipräsent geworden ist.

Zu dem Meme passende Kostüme habe ich schon öfter zirkulieren gesehen, aber in diesem Jahr stieß ich erstmalig auf einen Tweet mit einem passend zum Meme dekorierten Haus:


4.

Auf der Website “Tichys Einblick” hat in der letzten Woche ein Professor ausführlichst begründet, weswegen er sein FAZ-Abo gekündigt hat. Die Erklärungen waren natürlich passend für den Tenor von “Tichys Einblick” und eine Art Schreibübung, wieviele Worte man dafür verwenden kann “Systempresse” und “Linksruck” zu schimpfen. Soweit so uninteressant. Spannender war jedoch, dass dieser Aufschrei eines enttäuschten FAZ-Lesers zu dem “Meine erste FAZ...”-Meme geführt hat. Ein Meme, das man, inspiriert von diesem Tweet, auch als Vampir-Faz-Abonnenten-Meme bezeichnen könnte. Hier hat @FreihandDenker einige Beispiele gesammelt. Und – wie es sich gehört – kam irgendwann auch noch ein Autovervollständigungs-Meme hinzu. 


5.

Nein, es ist absolut nicht in Ordnung sich einen herunterzuholen, während man sich in einem Zoom-Arbeitsvideochat befindet, egal ob die Kamera aus- oder eingeschaltet ist. Dass auf Twitter tatsächlich Tweets kursierten, die den Journalisten Jeffrey Toobin für eben dieses Verhalten entschuldigen wollten, sehe ich als erstaunlichen Beweis für Kate Mannes Konzept von #himpathy.

Im Kontext der Diskussionen wurde dieser Artikel von Lili Loofbourow über den männlichen “Bumbler” erneut geteilt. 

“The line on men has been that they're the only gender qualified to hold important jobs and too incompetent to be responsible for their conduct. Men are great but transparent, the story goes: What you see is what you get. They lack guile.”

Der Artikel ist bereits einige Jahre alt, aber definitiv lesenswert, weil er sehr gut aufzeigt, wie Fehlverhalten am Arbeitsplatz von Männern oft als liebenswerte Trottelei entschuldigt wird. Dieser blinde Fleck hat Konsequenzen:

“Economists have long and lazily attributed the exodus of women in various industries to their decision to bear children, but now this giant explanatory iceberg is floating up — this absolutely gigantic, widely denied story about how women are routinely driven from their industries because their male colleagues need to be free to use their professional power to indulge their sexual urges.”


6. 

Dieser Thread mit Fotos von Corgie-Mischlingen hat mich sehr erfreut und mehr gibt's dazu eigentlich nicht zu sage, außer das ich damit bei knapp 280.000 Favs offensichtlich nicht alleine war.


7. 

Ich habe mir überlegt, dass es ein gutes wiederkehrendes Thema für diesen Newsletter sein könnte, interessante Twitter-Bots und -accounts vorzustellen. Anfangen möchte ich mit dem Twitteraccount @glucknocontext. Eigentlich wollte ich zu dem diesjährigen Literaturnobelpreis kein Wort sagen, weil ich glaube, dass man diesem in so vielerlei Hinsicht problematischen Preis nur so die Aufmerksamkeit entziehen kann. Bis jetzt habe ich mich auch daran gehalten, aber dann habe ich geschaut, ob schon ein Louise Glück Bot auf Twitter existiert und tatsächlich gibt es bereits seit November 2017: “Out of Context Louise Glück.” 

Da ich Twitter-Bots als gegenwärtige Form von Kanonisierung betrachte, freue ich mich über jeden einzelnen Bot, der den literarischen Texten einer Autorin gewidmet ist. Die von @glucknocontext ohne den Kontext des Gedichtes veröffentlichten Zeilen decken eine große Bandbreite von poetisch bis absurd ab. Bei einigen Tweets habe ich tatsächlich ungläubig überprüft, ob sie wirklich aus dem Werk von Louise Glück kommen und bis jetzt noch keinen Fake gefunden.

Update: Der Account @glucknocontext ist tatsächlich kein Bot, sondern wird manuell gefüllt. Ich habe außerdem noch ein wenig herumgeschaut, welche anderen Zitataccounts / Bots es zum Werk von Nobelpreisträger*innen gibt.


Herzlichen Dank an alle, die sich bei mir mit Anregungen oder einfach einer freundlichen Nachricht gemeldet, den Newsletter geherzt und kommentiert haben. Ich bin auch dieses Mal wieder gespannt auf eure Rückmeldungen und Hinweise. Bei einigen ist der Newsletter im Spamfilter hängen geblieben. Um das zu verhindern, müsst ihr den Absender zu eurem Adressbuch hinzufügen.

Wenn euch der Newsletter gefällt, freue ich mich natürlich sehr über Weiterempfehlungen. Mit diesem Link kann der Newsletter geteilt werden: Phoneurie. Wie immer findet ihr mich auf Twitter und auf Instagram. Habt eine gute Woche und denkt daran die Corona-App zu installieren, einzuschalten und zu überprüfen!